Halb so wild — Praxistermin

„Ist doch gar nicht so schlimm.“ Wem dieser Satz aus medizinischen Kontexten bekannt vorkommt, hat vermutlich schon mal Medical Gaslighting erlebt. Wenn uns vermeintliche Expert*innen Gefühle absprechen, wird es gefährlich.
5. Mai 2026
3 Minuten Lesezeit
Text: Samson Grzybek — Illustration: Annika Keymer

Erst mit 25 habe ich mich getraut, eine gynäkologische Praxis zu betreten. Zu schambehaftet war dieser Ort und meine Familie war kein nennenswerter Support, wenn es um Schmerzen ging. Also bin ich nur in absoluten Notfällen zu Ärzt*innen gegangen. Wenn es gar nicht mehr anders ging. „Da müssen Sie durch“, sagte mir die Gynäkologin bei meinem allerersten Termin.

Meine Schmerzen während der Menstruation waren, seit ich zurückdenken kann, immer so stark, dass selbst die erlaubte Höchstdosis an Schmerzmitteln pro Tag oft nicht ausreichte. An besonders schlimmen Tagen musste ich mich vor Schmerz übergeben. Ich hatte gehofft, dass mir in einer Praxis geholfen wird. Stattdessen bekam ich einfach die Pille verschrieben. Begründung: Das Problem hätten schließlich alle Frauen. Damals war ich noch nicht als nichtbinär geoutet, deshalb stellte diese Bezeichnung damals kein Problem für mich dar. Und weil ich keine Alternative kannte, habe ich es einfach akzeptiert. 

Medical Gaslighting beschreibt das Phänomen, wenn medizinisches Personal Schmerzen und Beschwerden bei Patient*innen nicht ernst nimmt. Da kann es passieren, dass Gesagtes auf einmal „falsch aufgenommen“ wird oder Ereignisse „gar nicht stattgefunden haben“. Und das hat gefährliche Folgen. 

Beschwerden, Symptome oder Realitäten verschwinden einfach. Das größte Problem aber ist, dass wir uns selbst weniger ernst nehmen. Denn natürlich beeinflussen uns Reaktionen aus unserem Umfeld. Nicht nur von denen, die uns nahestehen, sondern auch von Menschen aus der Gesundheitsversorgung. Ihnen vertrauen wir uns an, wenn es uns schlecht geht – in der Hoffnung, dass sie unsere Symptome behandeln und unsere Schmerzen lindern. So gut es eben geht. Klar, ich kann mir auch selbst Wissen aneignen, mich mit anderen austauschen, im Internet suchen. Aber all das ersetzt kein Medizinstudium. Also müssen wir darauf vertrauen können, dass uns Ärzt*innen und Therapeut*innen ernst nehmen und ihre Expertise nutzen.

Im medizinischen Kontext werden Beschwerden und das Schmerzempfinden von Patient*innen nicht selten mit „Stress“, „der Psyche“ oder ähnlichen verallgemeinernden Erklärungen abgetan. Dicke Menschen werden etwa häufig auf ihr Gewicht reduziert. Auch mir wurde früher gesagt: „Nehmen Sie doch ab, dann verschwinden die Symptome von allein.“ Ohne dass ich ausreichend untersucht worden wäre. Und meine Ärzt*innen stutzten, wenn ich wiederkam und auch aus unterschiedlichen, selbstbestimmten Gründen abgenommen hatte, die Symptome aber weiterhin vorhanden waren. Vielleicht wäre eine tatsächliche Untersuchung hilfreicher gewesen als ein unprofessioneller Kommentar.

Dieses Problem kennen sehr viele: Schwarze Menschen, Frauen, Queers, dicke, chronisch kranke und behinderte Menschen. Wir wissen aus Studien, dass es Vorurteile gibt, dass eine Voreingenommenheit – englisch: Bias – gegenüber bestimmten Gruppen vorliegt. Menschen werden nicht gehört, wenn Ärzt*innen keine Erklärungen finden oder wenn sie Patient*innen unterbewusst einer bestimmten Gruppe zuordnen und stereotypisieren.

Im englischsprachigen Raum ist die Forschung zu Medical Gaslighting deutlich weiter als hierzulande – und die mediale Repräsentation ist stärker. In einer Studie von 2003 (!) wurde festgestellt, dass Frauen bei ähnlichen Diagnosen wie bei Männern häufiger Schmerzen abgesprochen und somit seltener Schmerzmittel verabreicht werden. Daraus resultierende Nachteile haben weitere Studien belegt. Eine davon zeigt, wie schädlich beispielsweise ein psychosomatischer Blick auf die Untersuchung von ME/CFS-Patient*innen sein kann. 

Auch meine Erfahrungen hatten weitreichende Folgen. Nicht nur, dass ich mir meine eigenen Schmerzen während der Menstruation immer wieder selbst abgesprochen habe. Ich habe durch die Reaktionen von außen aufgehört, Schmerzen bei anderen Problemen überhaupt anzuerkennen: Verletzungen vom Kampfsport, Fahrradunfälle, Treppenstürze oder sogar ein lebensgefährlicher Sturz in eine Grube. „Ist ja nicht so schlimm.“ Ich nehme mich selbst und meinen Körper weniger ernst. Zwar nehme ich Schmerzen, Unwohlsein und andere Symptome wahr, ich reagiere aber nicht. Ich beobachte nur noch stillschweigend, weil ich nicht wegen einer „Kleinigkeit“ in die Praxis gehen möchte. Weil ich nicht schon wieder Sprüche gedrückt bekommen möchte, dass ich „mich ja nur anstelle.“ Sind es wirklich Kleinigkeiten, wenn ich so starke Schmerzen habe, dass ich nicht arbeiten kann?

Letztendlich müssen wir auf die wichtigste Stimme hören – unsere eigene. Denn wir dürfen nicht zulassen, dass uns Menschen, die unsere Körper, Erfahrungen, Gefühle nicht gut genug kennen, vorschreiben, was (erträgliche) Schmerzen sind und was nicht. Wir sind Expert*innen unserer selbst. Medizinisches und therapeutisches Fachpersonal hat die berufliche Pflicht, Patient*innen selbstbestimmt zu unterstützen. Und es hat einen immensen Mehrwert, wenn Ärzt*innen ihr eigenes Ego überwinden und ihren Status reflektieren. Sie sind nach dem Uni-Abschluss nicht fertig, sie sollten weiter lernen – und zwar durch ihre Patient*innen.

Samson Grzybek weiß um die Bevormundung im Gesundheitswesen. Bei Veto schreibt Samson über Gender in der Medizin und die Notwendigkeit einer Behandlung auf Augenhöhe.

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