Text: Lia Rodehorst — Fotos: Benjamin Jenak
Viele Millionen kostet der Grüngürtel im Duisburger Norden. Eine gigantische Parkanlage, die sich über drei Stadtteile erstreckt. In Marxloh müssen für das Großbauprojekt auch mehrere Dutzend Wohnungen weichen. Seit Jahren tragen die Bagger Wand für Wand ab. Heute macht der Stadtteilspaziergang der Initiative „Marxloher Nachbarn“ hier Halt, um zu zeigen, welche traurigen Sehenswürdigkeiten geblieben sind: von der Stadt zwangsgeräumte Gebäude.
Duisburg-Marxloh ist arm, gut 20 000 Menschen leben hier. Ein Kiez der arbeitenden Klasse und in vielen Medien als Brennpunkt oder sogar No-Go-Area verschrien: kriminell, dreckig, verwahrlost. „Andere Stadtteile sind viel gefährlicher“, sagt Christina, die seit einigen Jahren hier lebt und zur Initiative gehört. Sie erzählt davon, wie schwierig für viele das Ankommen in Deutschland ist: „Viele denken, Menschen aus Bulgarien und Rumänien kommen nur für die soziale Unterstützung.“ Doch ohne Sprachkenntnisse und Wissen über das System können sie diese kaum beantragen. Das mache es Firmen leicht, sie auszubeuten.

Christina übersetzt für einen bulgarischen Lkw‑Fahrer: „Er musste vier Stunden auf einen Lkw warten. Am Ende kam er nicht.“ Für Reise- und Wartezeiten wurde er jedoch nicht bezahlt – so geht es vielen. Auch Christina lebt in Marxloh. Deutsch hat sie sich selbst beigebracht und will bleiben. Aber sie weiß auch: Die Stadt versucht Menschen aus Osteuropa loszuwerden. Mit den Städten Hagen, Dortmund, Gelsenkirchen, Herne und Essen drängt Duisburg darauf, die „Einwanderung von Menschen ins deutsche Sozialsystem“ zu verhindern.
Die Ursachen dafür liegen in der sogenannten Arbeitnehmendenfreizügigkeit. Sie besagt, dass alle Menschen mit einem Pass aus einem EU-Staat das Recht haben, ihren Arbeitsplatz in der EU frei zu wählen. Die Regelung trat 2014 für Bulgarien und Rumänien in Kraft. Nur ein Jahr später kam es zu den ersten Räumungen. Betroffen waren vor allem Roma-Communitys.
Wenn die Taskforce anrückt
2015 gründete Duisburg die „Taskforce Problemimmobilien“. Das offizielle Ziel: Immobilien mit Überbelegung und schlechten Gebäudezuständen prüfen und schließen. Shabnam begleitet Betroffene seit Jahren. Wenn sie erzählt, zeigt sich ein anderes Bild: Alle zwei Wochen rückt die Taskforce aus, oft begleitet vom Jobcenter, der Familienkasse, von Feuerwehr und Polizei. „Gegen 9 Uhr verschaffen sie sich Zugang zum Haus“, so die Sozialarbeiterin. Es folgen Meldekontrollen der Bewohnenden und eine Bestandsaufnahme des Gebäudes.
Dann entscheiden die Behörden, ob die Immobilie bewohnbar ist. 177 Gebäude prüfte die Taskforce zwischen 2015 und 2024. 132 wurden noch am selben Tag geräumt. Die Marxloher Mietenden stellt fest: „Es gibt keine transparenten Bewertungsrichtlinien.“

Nach ein paar Stunden wird alles versiegelt. Wer danach nochmal rein will, muss einen Termin mit der Stadt ausmachen, erklärt Shabnam. Eine Familie versuchte genau das und bekam als Antwort: „Ein solcher Termin kostet 500 Euro, weil der Verwalter Securitys zu seinem Schutz mitbringen müsse.“ Die Initiative verhinderte die Kostenübernahme durch eine einstweilige Verfügung. Zum Termin erschien die Sicherheitsfirma trotzdem.
Shabnam und ein anderer Mitstreiter waren vor Ort. „Nur ich und die Mieterin durften in die Wohnung, niemand hat uns geholfen“, erinnert sie sich. „Wir durften nur ein paar Klamotten und Dokumente holen und wurden rassistisch beleidigt.“ Die Mieterin hat fünf kleine Kinder. Trotzdem habe sie weder Windeln noch ihre Waschmaschine aus der Wohnung holen dürfen.
Auf einmal kein Zutritt mehr
Die Hagedornstraße zählt besonders viele verriegelte Gebäude. So viele, dass Christina im Vorbeigehen nicht auf jedes hinweisen kann. Stattdessen haben sie rote Papierschilder mit dem Wort „geräumt“ an die Häuser geklebt. Vor einem bleiben sie stehen. „Es war kurz vor Weihnachten und wirklich kalt“, so Shabnam. Die betroffenen Familien wandten sich an die Initiative. Sie sagten: „Uns wird gerade die Wohnung genommen. Kommt bitte schnell. Als die Aktiven eingetroffen sind, um die Räumung solidarisch zu begleiten, saßen bereits Familien und Schwangere wortwörtlich auf der Straße.“
Daraufhin begann die Initiative, Fragen zu stellen: nach den Gründen für die Räumung zum Beispiel. Sie erklärten den Betroffenen ihre Rechte und halfen dabei, diese einzufordern. „Als wir darauf beharrten, der Familie eine Ersatzunterkunft zu stellen, war auf einmal die Polizei da“, erzählt Shabnam. Als die Polizeikräfte Platzverweise erteilten, sei sie geblieben. „Dafür saß ich fünf Stunden im Gefängnis.“

Das Haus in der Hagedornstraße steht nun seit zwei Jahren leer. Der Vermieter wusste nichts von der Räumung. Bis heute wisse er nicht, was er tun könne, um es wieder zu öffnen. „Er will sich mit der Stadt nicht anlegen, deshalb geht er nicht rechtlich dagegen vor“, sagt Shabnam.
3 330 Personen verloren durch die Taskforce ihre Wohnungen, gut ein Drittel von ihnen Kinder und Jugendliche. Die „Nutzungsuntersagungen sind lediglich temporär“, behauptet die Stadt. Die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache: Bis 2024 waren laut Shabnam nur 21 Gebäude saniert und die Schließung damit wieder aufgehoben. Shabnam kennt viele Häuser von innen und kritisiert, dass sie nur wenig Renovierung benötigten, um wieder bewohnbar zu sein.
Die Stadt stellt das Wasser ab
Die meisten geschlossenen Immobilien liegen in den beiden am stärksten postmigrantisch geprägten Duisburger Vierteln: Marxloh und Hochfeld. „Von den Räumungen betroffen waren zu mehr als zwei Dritteln Personen aus Rumänien und Bulgarien.“ Dabei machen sie in den Stadtteilen nur 40 Prozent der Bevölkerung aus. An einen Zufall glaubt Shabnam jedoch nicht. Die Initiative sieht die Verantwortung bei Oberbürgermeister Sören Link (SPD). Scharf kritisiert wurde er für eine Aussage aus 2015. Auf einer Flüchtlingskonferenz seiner Partei sagte Sören Link damals: „Ich hätte gerne das Doppelte an Syrern, wenn ich dafür ein paar Osteuropäer abgeben könnte.“ Die Initiative habe er laut Shabnam eine „Folkloregruppe“ genannt.
Seit 2017 wehren sie sich gegen alle möglichen Schikanen gegen Mietende im Kiez. Anfangs konnten sie Zwangsräumungen verhindern. „Danach schlief die Arbeit eher ein“, beschreibt Shabnam. Bis Kinder einen weiteren Skandal sichtbar machten: „Erst kam ein Kind zu uns und meinte: ‚Unser Wasser zu Hause wird abgestellt.‘“ Als sich noch weitere Betroffene mit ganz ähnlichen Geschichten an sie wandten, schaute die Initiative genauer hin.

Die Wohnungen wurden alle von der Verwaltungsfirma IPG betreut. „Ende November 2023 hat die IPG damit aufgehört, die Nebenkosten an die Stadtwerke weiterzuleiten.“ Neun Monate später bekamen mehr als 800 Mietende einen Brief, in dem angekündigt wurde, dass ihnen in den nächsten zwei Wochen das Wasser abgestellt werde.
In ihrer Verzweiflung wandten sich die Menschen an die Stadt. Statt Hilfe bekamen sie einen weiteren Brief: „Wenn das Wasser gesperrt ist, können Sie nicht mehr in den Häusern wohnen. Und dann müssen diese geräumt werden.“ Diesen Umstand aber nahmen Shabnam, Christina und die anderen nicht einfach so hin und mobilisierten zum Protest im Stadtteil.
Eine Gemeinschaft aufbauen
Bei den Demos waren viele Kinder dabei. „Marxloh ist eins der kinderreichsten Viertel“, erklärt Shabnam. „Die Kids hier gehen lautstark für ihre Rechte auf die Straße. Das ist beeindruckend.“ Der Slogan, der bis heute präsent ist: „Wir bleiben!“ Und die Proteste zeigten Wirkung: Die Stadt stellte die Immobilien unter Zwangsverwaltung. Die Bewohnenden durften bleiben – vorerst. Nur innerhalb eines Jahres wurden die Häuser doch geschlossen. Sie stehen seitdem leer. Brombeergestrüpp wuchert über Vorgärten und Haustüren, in einigen Fensterrahmen sind nur noch Scherben der Scheiben übrig. Laut Shabnam blieb all das ohne Konsequenzen.
Nach den großen Demonstrationen wurde es ruhiger, auch die Mobilisierung schwieriger. Und so veränderte die Initiative ihren Fokus: „Über Sozialberatung und gemeinsames Frühstücken versuchen wir, eine Gemeinschaft zu schaffen.“ Dadurch bekämen die Betroffenen Raum, ihre Erfahrungen zu teilen und würden realisieren, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind.

„Uns ist wichtig“, bemerkt Shabnam, „dass wir nicht für die Menschen sprechen, sondern sie selbst sprechen können.“ Auch deshalb werden sie an allen Aktionen beteiligt. Sie planen, bauen auf, malen Schilder. „Wenn Menschen die Reden in ihrer Muttersprache halten wollen, unterstützen wir sie und organisieren Übersetzungen.“
Der Spaziergang durch das Viertel endet mit Eis und Wassermelone. Auch wenn die Situation schwierig ist, werden die Ehrenamtlichen nicht aufgeben. Grund zur Hoffnung gibt es aktuell auch: Zum ersten Mal klagen zwei Mieterinnen vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf gegen ihre Räumung. Was dabei rauskommt, ist offen. Fest steht aber, dass sich die Mietenden von Marxloh nicht auf die Behörden verlassen können – dafür umso mehr auf einander.
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