Nein und Amen — Kolumne Maike Schöfer

Glitzerkreuz, Beichtstuhl und Heiligenschein: Die Popmusik ist voller christlicher Symbole. Ist das ein lukrativer Trend, Provokation oder doch ein Comeback von Glaube und Kirche? Und sind Madonna und Ikkimel die besseren Predigerinnen?
21. Juli 2026
6 Minuten Lesezeit
Text: Maike Schöfer — Foto: Benjamin Jenak

Ein Beichtstuhl auf der Bühne, knutschende Lesben in der Kirche, ein Lapdance für den Teufel, der Dancefloor als spiritueller Erfahrungsraum oder hotte Ordenskleidung. OMG! Rosalía, Raye, Lil Nas, Madonna, Lily Allen, Ikkimel, Milune stellen die Glaubensfrage. Also zumindest bedienen sie sich in aktuellen Songs christlicher Symbolik und sakraler Ästhetik.

Liebe Kirche, liebe Gläubige, liebe Sinner and Saints, haltet euch lieber Augen und Ohren zu …

Künstler*innen treten provokant und kirchenkritisch auf, inszenieren sich als Sünderin oder Heilige und zeigen genauso ernsthafte und spirituelle Seiten von sich – und werden (dafür) gefeiert! Ihre Fans beten sie an, pilgern von Konzert zu Konzert, grölen zuverlässig die Songs mit und erleben auf Konzerten Hoffnung, Gemeinschaft und Ekstase.

Demgegenüber: halbleere Kirchenbänke, Austrittsrekorde und das verstaubte, hoffnungslos uncool gewordene Image von Kirche, Bibel und „uh, Sweet Baby Jesus (oh, oh)“. Kaum jemand grölt die alten Kirchenbanger noch außerhalb der Messe oder pilgert von Gottesdienst zu Gottesdienst. Christliche Popmusik ist meist eher cringe, aber christliche Motive in Popmusik interessant. Was für eine spannende Gleichzeitigkeit von zwei gegenläufigen Trends, oder!?

Und ich stehe mittendrin. Als evangelische Pfarrerin in der leeren Kirche und mit Rosalía auf den Ohren. Als Fan von Madonna und Jesus. Als kirchenkritisch und kirchenliebend. Als queer und fromm. Im Kollarhemd und in Leopardenhosen. Und in mir die Frage: Geht beides?

Die Popmusik schafft, was Kirche offenbar fehlt. Menschen kehren ihr den Rücken, committen sich aber treu als Taylor Swift-Fans und nennen sich Swifties. Die Bibel ist zwar eher unbeliebt, bleibt aber Inspirationsquelle für Kunst und Musik. Classy Gottesdienste sind out, Kreuze, Nun-Core, Confessions in. Für mich das Comeback von Glaube und Kirche, nur in a different way.

Und deswegen, liebe Kirche, liebe Gläubige, liebe Sinner and Saints, würde ich jetzt doch gut aufpassen und Augen und Ohren eben nicht davor verschließen …

Christliche Symbole sind in der Popmusik erstmal nicht neu. Madonna ließ sich schon vor 20 Jahren auf ihrer Confessions-Tour mit Dornenkrone und Glitzerkreuz inszenieren und droppte 1989 mit „Like a virgin“ einen Song, der religiöse Begeisterung, sexuelle Begierde, Dessous, Küsse mit einem Heiligen, Wundmale, zweideutige Lyrics und einen Gospelchor kombinierte.

Auch „Like a prayer“ wurde Welthit und Skandal. Vor allem Gläubige kritisierten den Song als blasphemisch. Der Vatikan mit Papst Johannes Paul II. forderte damals sogar zum „Madonna-Boykott“ auf. Irgendwie auch funny, wenn ich mir den Namen der Künstlerin so anschaue.

Künstler*innen erfahren nicht nur Kritik (die ist wichtig und angebracht), sondern harten Protest, Hass und Abwertung, wenn sie mit religiösen, christlichen Motiven spielen, damit experimentieren oder sie hinterfragen. Jüngstes Beispiel: Milune, eine 22-jährige queere Schweizer Sängerin, die in einer Kirche ein Musikvideo mit lesbischen Kuss-Szenen zu ihrem Song „You believe in Jesus, I believe in pussy“ drehte.

Die Katholische Kirche machte daraus einen Skandal. Und ja, ich kann verstehen, wenn sich Gläubige oder die dortige Gemeinde angegangen oder provoziert fühlen. Gleichzeitig ist es ungemein wichtig, sich mit der Kunstfreiheit in religiösen, sakralen Räumen zu befassen.

Christ*innen sollten sich ehrlich und ernsthaft fragen, was an Nacktheit, am weiblichen Körper, an Queerness in einer Kirche so provokant oder blasphemisch ist? Wir sind doch alle nackt geschaffen, gut geschaffen, wie wir sind – von Gott selbst! Warum wird dann gerade der nackte Frauenkörper noch immer als Abwertung, ja als Bedrohung gesehen? I don’t get it. 

Sind wir mal ehrlich: Jesus himself hängt halbnackt am Kreuz, Adam und Eva zeigen viel Haut und in der Heiligen Schrift geht’s doch genauso ab. Im Hohelied der Liebe zum Beispiel. Das ist für mich quasi peak Dirty Talk. Ich finde ja sogar, dass der Song  „You believe in Jesus, I believe in pussy“ von Milune feministisch-theologisch interpretiert werden kann und auch sollte. Die Vulva als Ursymbol der Schöpfung. Die Künstlerin selbst schreibt ihrer lesbischen Beziehung außerdem eine sakrale Bedeutung zu. Ich würde sagen: Go on! 

Leider bleiben die Kirche und auch andere christliche Konfessionen bei ihrer Tabuisierung und Beschämung. In fundamentalistischen Kreisen erleben wir eine Verteufelung von Körper, Nacktheit und Sexualität, obwohl sich unsere Gesellschaft längst weiter geöffnet hat.

Dieses krampfhafte Tabuisieren und Ausblenden von Sexualität bildet unter anderem einen Nährboden, einen kulturellen und religiösen Hintergrund für sexualisierte Gewalt, für dessen Verharmlosung und Vertuschung. Es braucht mehr sexuelle Bildung in Kirche und christlichen Kreisen! Sie ist ein wichtiger Baustein für Prävention, aber auch für Wissen, Toleranz, Vielfalt, Geschlechteridentität und für ein gesundes Verhältnis zum Körper und zu Sexualität.

Versteht mich nicht falsch, Songs wie „Katholisch erzogen“ von Domiziana oder „Sweet Baby Jesus“ von Ikkimel müssen jetzt nicht als Lieder im neuen Gesangbuch auftauchen, aber sie können ein Anstoß sein, um über Sexualität und Glaube nachzudenken, zu reflektieren und einschränkende, einengende Glaubenssysteme zu hinterfragen und aufzubrechen.

Diese Songs können gläubige Frauen und Queers bestärken und empowern – und zu einer sexuellen Befreiung beitragen. Das hat für mich mehr Gewicht, als penibel darauf zu achten, bloß nicht die „religiösen Gefühle“ meiner Glaubensgeschwister zu verletzen.

Hat mal jemand gefragt, wie es für Frauen und Queers ist, in religiösen Umfeldern andauernd gesagt und vermittelt zu bekommen, dass der eigene Körper, die Menstruation, die Vulva, das Begehren, die Lust, die Sexualität oder die eigene Geschlechteridentität sündhaft sind? Das ist verletzend! Und sorgt bei einigen für tiefgreifende Verletzungen und Wunden – psychisch wie physisch. Also Schwester Sabine, wenn eine knutschende Lesbe in einer Kirche deinen Glauben so sehr triggert, ist er vermutlich auf dünnem Eis gebaut.

Einige Religionswissenschaftler*innen sehen in Madonna, Ikkimel, Rosalía und Co. lediglich Provokationen, Effekthascherei und Geschäft. Vielleicht mag das an einigen Stellen zutreffen, aber in vielen dieser Songs stecken nicht nur Oberflächlichkeiten, sondern oft eine tiefere Beschäftigung mit Glaube, Gott und Kirche. Patriarchale Strukturen werden hinterfragt, es wird gegen Gott rebelliert, es geht um Fremd- und Selbstbestimmung, um Sexualität, um Lust und Leidenschaft, es geht um Feminismus, Queerness, Geschlechteridentität, aber auch um Spiritualität, Tradition und Moderne. Alles Themen der feministischen Theologie, die in Kirchen allerdings zurückgehalten, manchmal absichtlich erschwert und kaum unterstützt wurden.

Dabei gibt es schon seit den 1950er-Jahren stabile und schlaue feministische Theolog*innen, denen ich eine Menge zu verdanken habe, zum Beispiel, dass Frauen überhaupt Pfarrerinnen werden dürfen. Shout out to my Sisters! Rosalía, Lily Allen und andere tragen diese Themen nun über die Popkultur weiter in Gesellschaft und Kirche hinein.

Das Album „Lux“ von Rosalía ist voll von christlicher Symbolik und religiösen Referenzen. Sie singt „Ich bin keine Heilige, aber gesegnet“ und will wissen, wie es ist, heutzutage Gott zu suchen, Gott zu lieben, aber eben auch das Leben, die Lust und die Begierde. Sie steigt direkt in diesen vermeintlichen Widerspruch von Heilige und Hure ein, den Ally Neumann „Madonna-Whore-Komplex“ nennt, bewegt sich darin und löst diesen Widerspruch für sich selbst auf.

In Vorbereitung auf das Album hat sich Rosalía mit Biografien von Ordensfrauen und Heiligen befasst. In einem Interview erzählte sie, ihr Antrieb sei die Suche nach Gottes Nähe. Und sie nimmt uns mit auf diese Reise. Da ist vielmehr als nur Ästhetik, mehr als bloße Provokation. Wenn Künstler*innen wie Rosalía so über Glaube und Gott singen, zeugt das von einem tiefen Bedürfnis nach Spiritualität. Vielleicht nicht nach einem Bedürfnis nach Kirche, aber nach Glaube, nach Gott, nach Religion. Vielleicht sogar nach einer neuen Form von Kirche?

Manchmal sind Popsänger*innen die besseren Prediger*innen. Punkt! In einem Drei-Minuten-Popsong stecken häufig mehr Hoffnung, Ehrlichkeit, Zweifel, Leidenschaft, Protest oder Trauer als in einer 15-minütigen Predigt. Wir können uns davon was mitnehmen und lernen. Es ist ja kein Geheimnis, dass sich die Popmusik von Religion inspirieren lässt und erprobte Rituale in abgewandelter Form selber nutzt: Konzerte tragen liturgische Elemente in sich, Popstars als Zeremonienmeister*innen oder Priester*innen, Fan-Sein schafft Identität und Gemeinschaft und so weiter. Aber jetzt darf Kirche sich auch mal von Popmusik und Popkultur, von Madonna, Raye, Ikkimel inspirieren und anfragen lassen, in den Dialog treten. Vielleicht würde der Kirche ein bisschen Provokation, Queerness und Feminismus guttun.

Dann gibt es vielleicht doch kein Comeback von alten, tradierten Glaubenssystemen – dafür endlich Freiheit, Liebe, Gerechtigkeit in Gemeinden und der Gesellschaft. Für alle eben. Amen!

Religionslehrerin und Pfarrerin Maike Schöfer setzt bei Instagram auf klare Worte. Gott* schreibt sie mit Sternchen und hat das feministische Andachtskollektiv initiiert.

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