Text: Luna Möbius — Foto: Benjamin Jenak
Als ich 2015 in Ungarn zur Schule ging, beschäftigte ich mich nicht wirklich mit Politik. Meine Gastfamilie, die sicherlich überzeugt Orbáns Partei Fidesz gewählt hatte, redete mit mir auch nicht darüber. Nicht über die Tausenden Menschen, die kurz nach meiner Ankunft in Ungarn Schutz suchten, nach ihrem Grenzübertritt auf Bereitschaftspolizei, Wasserwerfer und Tränengas trafen und schließlich tagelang am Bahnhof Budapest-Keleti ausharren mussten.
Und schon gar nicht darüber, wieso meine Gast-Oma, die an der Grenze zu Rumänien lebte, ihren Dieselgenerator viel kürzer laufen lassen musste, als sie wohl gewollt hätte. Dass auch sie vom System Orbán nichts zu erwarten hatte, wurde mir erst viel später bewusst.
Drei Millionen Menschen in Ungarn leben unterhalb der Armutsgrenze, zwei Millionen holen täglich ihr Wasser aus Brunnen, nicht aus der Leitung. Während das monatliche Gehalt heute im Durchschnitt bei 1 750 Euro liegt, durfte sich Orbáns ehemaliger Nachbar Lőrinc Mészáros schon 2016 über ein Privatvermögen von etwa 385,5 Millionen Euro freuen. Der Großteil des Geldes kam aus öffentlichen Ausschreibungen und Großbauprojekten, die die Regierung freundlicherweise an Mészáros‘ Firmen vergab.
Kein Wunder also, dass die Versprechen von Wahlsieger und Neu-Ministerpräsident Péter Magyar Massen mobilisieren konnten: die Korruption im Land bekämpfen, überhaupt wieder ein Bildungsministerium einrichten, das marode Gesundheitssystem neu aufbauen.
11. April 2026, 23:10 Uhr. Meine Freundin Sára schickt mir ein Video. „The city is crazy, Luna. It’s so hopeful. Hope it’s not for nothing.“ Menschen tragen ihre Hoffnung auf ein Ende Orbáns auf die Straßen. Nicht einmal 24 Stunden später ist es tatsächlich amtlich: Péter Magyar hat die Wahl gewonnen. Wieder ein Video von Sára – diesmal aus der U-Bahn. Menschenmassen, die feiern, singen und sich in den Armen liegen. Die Ära Orbán endet. „Der Rechtspopulismus ist besiegbar“, lese ich kurze Zeit später in einer Insta-Story.
Doch endet damit wirklich der Rechtspopulismus? Was nach 16 Jahren Viktor Orbán bleibt: zentralisierte Machtstrukturen, ein ausgehöhlter Rechtsstaat, selbstständige Institutionen, die entweder von der Regierung aufgelöst oder mit treuen Fidesz-Anhängern besetzt wurden. Und für ein Verbot der Budapest Pride änderte Orbán 2025 extra die Verfassung.
Natürlich teile ich die Freude, dass sich endlich etwas verändern kann. Natürlich wünsche ich mir, dass Orbáns Niederlage auch andere Autokratien schwächen könnte. Und doch sind mir die Berichterstattung zu Péter Magyar, die Posts und Stories ihm gegenüber zu unkritisch.
Wer sich auch nur kurz mit dem Orbán-Erben auseinandersetzt, wird erkennen, dass er nicht weniger populistisch auftritt. Auf Instagram zum Beispiel präsentiert sich der Mittvierziger @magyar_peter_official_the_man volksnah, mobilisiert Massen, gerade junge Menschen, mit seinem Sinn für Trends, Memes und Popkultur. Und wie es sich für einen anständigen Ungarn gehört, oft in Tracht. Die inzwischen abgewählte Regierung nennt er „Mafia“ und lenkt damit erfolgreich davon ab, dass er selbst lange Fidesz-Mitglied war und als Ex-Mann der einstigen Justizministerin Judit Varga auch Verbindungen in Orbáns Umfeld hat.
Das macht ihn nicht gleich zum Antidemokraten, klar. Bemerkenswert allerdings ist, dass sich Magyars Partei Tisza, die zur Europawahl 2024 aus dem Stand fast 30 Prozent holte, in letzter Zeit rechtskonservativen und rechtsextrem-nationalistischen Strömungen zuneigt. Während er sich pro-europäisch äußert und auf Distanz zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin geht, verliert er jedoch kaum ein Wort darüber, was er nationalen Minderheiten, Frauen, Pflegenden, Forschenden oder queeren Menschen anzubieten hat. Geschweige denn darüber, ob er ihnen überhaupt etwas anbieten möchte.
Die Frage, ob Orbáns Niederlage denn auch eine Niederlage des Rechtspopulismus ist, lässt sich unter anderem mit Blick auf die neue Sitzverteilung recht klar beantworten. So werden dem neuen Parlament insgesamt nur noch drei Parteien angehören: die rechtskonservative Tisza, Orbáns Fidesz und die rechtsextreme Partei „Mi Hazánk“.
Echte gesellschaftliche Veränderung, die alle Menschen gleichermaßen in den Blick nimmt, wird es in Ungarn mit Magyar allein wohl kaum geben. Es bleibt also wieder die Aufgabe einer extrem geschwächten und müden Zivilgesellschaft, sich zu organisieren und für politische Mehrheiten zu streiten. Und es bleibt unsere Aufgabe, an ihrer Seite zu stehen.
Sachsen-Anhalts finest rage girl Luna Möbius spricht an, was aufregt – und weiß, was sich ändern muss. Die gelernte Tourismuskauffrau lebt und arbeitet heute im politischen Berlin.