Das bisschen Blut — Luna Kurafeiski


Über die Periode sprechen, das ist für viele noch immer unangenehm. Gleichzeitig hat nicht jede Person Zugang zu Tampons oder sauberen Toiletten. Luna Kurafeiski geht deshalb zu denen, die sich ihre Monatsblutung nicht leisten können.
20. Januar 2026
6 Minuten Lesezeit
Text: Laura Catoni — Fotos: Sina Opalka

„Ich war mal mit jemandem zusammen, der dachte, Urin und Blut kommen bei Frauen aus der selben Körperöffnung“, erzählt Luna Kurafeiski. Es ist ein Mittwochnachmittag, die 26-Jährige sitzt in einem hippen Berliner Café. Sie trinkt Matcha, der Tee hat ihre Lippen leicht grün gefärbt. „Das kann doch nicht wahr sein“, sagt sie mit Ärger in der Stimme, „dass immer noch so eine große Ignoranz gegenüber dem Thema Menstruation herrscht.“ 

Dass ihr Ex nicht wusste, dass Menstruationsblut aus der Gebärmutter stammt und über die Vagina ausgeschieden wird, während Urin aus der Harnröhre kommt, war für Kurafeiski nicht der ausschlaggebende Grund, Schluss zu machen. Aber einer mehr, warum sie sich im Herbst 2024 dem Berliner Verein Periodensystem angeschlossen hat. Was 2016 als Crowdfunding-Kampagne begann, ist heute eine Gruppe von 18 Ehrenamtlichen, die die Themen Periode und Periodenarmut aus der Tabuecke holen wollen.

Von Periodenarmut ist betroffen, wer nicht genug Geld hat, um sich Menstruationsprodukte zu kaufen – von Tampons bis zur neuen Unterhose, weil sie alte Blutflecken hat. Seit 2016 hat der Verein Periodensystem laut eigenen Angaben mehr als 50 000 Euro Spenden gesammelt und in Menstruationsartikel investiert. Die Produkte verteilen die Mitglieder bundesweit, vor allem an Frauenhäuser, Schulen, Obdachlosen-, Geflüchteten- oder Mutter-Kind-Unterkünfte.

In Vorträgen nehmen die Ehrenamtlichen außerdem Mythen rund um die Periode auseinander und schulen Lehrkräfte in einem sensiblen Umgang mit dem Thema. Für Luna Kurafeiski geht es bei der Periode um Geschlechtergerechtigkeit: „Jede Frau hat das Recht auf Teilhabe und darunter fällt auch der Zugang zu Periodenprodukten. Doch das Thema ist so tabuisiert, dass es am Ende die Frauen sind, die dafür bezahlen müssen, dass sie menstruieren – nicht nur mit Scham und Ausgrenzung, sondern auch tatsächlich mit Geld.“ 

Tabuthema Menstruation

Deshalb hat sich Kurafeiski heute früh, lange vor dem Matcha, ihren Reiserucksack und zwei große Tüten auf die Schultern gepackt und sich auf den Weg zur Bahnhofsmission gemacht – eine von drei Stationen in Berlin, die sie mit Tampons, Binden und Co. versorgen will. Während draußen die Züge abfahren, trifft sie am Eingang Annette Meyns vom Katholischen Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit für das Erzbistum Berlin. Meyns leitet den Standort der Bahnhofsmission und weiß genau, was Frauen brauchen, die von Armut oder Obdachlosigkeit betroffen sind. Können die sich keine Periodenartikel leisten, kann es vorkommen, dass sie Stoffreste, Toiletten- oder Zeitungspapier benutzen, um ihr Menstruationsblut aufzufangen. Materialien, die zu Schleimhautreizungen und schweren Infektionen führen können. 

Um Hilfe zu bitten, falle vielen schwer, sagt Annette Meyns. Das habe auch mit Scham zu tun. „Keine will quer durch die Bahnhofsmission rufen, dass sie eine Binde braucht. Deshalb geht es für uns hier nicht nur um kostenfreie Periodenartikel, sondern auch darum, einen sicheren, anonymen und sauberen Ort zu schaffen, an denen die Frauen diese wechseln können.“ Das Team ist auf Spenden wie die von Periodensystem angewiesen. Dabei sollte, bemerkt Meyns, jede menstruierende Person Zugriff auf kostenfreie Periodenartikel haben.

Mit leeren Taschen macht sich Luna Kurafeiski auf den Weg zurück in ihre Wohnung, wo eine große Lieferung mit Menstruationsartikeln wartet. Bevor sie mit dem Ehrenamt angefangen hat, war die Periode für sie kein großes Thema. Das lag auch daran, dass sie ihre nur alle paar Monate hat. „Als andere gesagt haben, Tampons sind so teuer, konnte ich das immer gar nicht nachvollziehen. Bei mir reicht eine Packung ein Jahr lang“, sagt die junge Frau, während sie unzählige Packungen mit Tampons und Binden in ihren Rucksack steckt.

Nachdem sie vor ein paar Jahren zufällig auf einen Dokumentarfilm über den Kampf gegen Periodenarmut gestoßen war, begann Kurafeiski, sich Gedanken darüber zu machen, dass Frauen aufgrund ihrer Menstruation bis heute ausgeschlossen werden.

Was Menstruieren kostet

Im hinduistisch und buddhistisch geprägten Indien etwa dürfen Frauen, die ihre Periode haben, oftmals keine Tempel betreten. In muslimisch geprägten Ländern dürfen sie zum Teil nicht beten oder fasten. Doch auch in westlichen Ländern erfahren Frauen Beschämung.

Schätzungen zufolge haben 500 Millionen Mädchen und Frauen weltweit keinen Zugang zu Menstruationsprodukten. Und 1,25 Milliarden haben während ihrer Periode keinen Zugang zu einer Toilette. Viele bleiben deshalb in dieser Zeit zuhause. Hilfsorganisationen rechnen vor, dass Mädchen dadurch mehrere Schuljahre verpassten. Betroffen sind vor allem Menschen im Globalen Süden, aber nicht nur. So fand eine repräsentative Umfrage der Organisation Plan International heraus, dass fast ein Viertel aller menstruierenden Personen zwischen 16 und 45 Jahren in Deutschland die Kosten für Tampons und Co. monatlich zu schaffen machen. 

Bis zu 18 000 Euro gibt eine Frau hierzulande in ihrem Leben für Periodenartikel aus. Immerhin: Seit 2020 gilt für Tampons und Binden der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Die Reform war das Ergebnis anhaltender Kritik, dass Periodenartikel keine Luxusgüter seien. Zudem sind in den letzten Jahren vielerorts Pilotprojekte gestartet, die eine Versorgung mit kostenfreien Menstruationsartikeln in Rathäusern oder Schulen ermöglichen.

Es mangelt an Aufklärung

Dass die Periodenarmut damit nicht bekämpft ist, weiß auch Anna Haken. „Durch die Inflation hat die finanzielle Not weiter zugenommen“, beschreibt die Sozialarbeiterin vom Berliner AWO-Frauenladen im Wedding, der mit Beratungs- und Freizeitangeboten Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte hilft. „Da wird dann bei jedem Einkauf genau geschaut: Brauche ich das jetzt wirklich oder nicht? Und dann wird nicht selten bei Periodenartikeln gespart.“

Haken geht die verschiedenen Packungen mit Tampons, Binden und Menstruationstassen durch, die Luna Kurafeiski mitgebracht hat. Sie werden hier dringend benötigt. „Was es auch braucht: mehr Aufklärung“, so die 33-Jährige. Was macht der Zyklus mit meinem Körper? Was unterscheidet die einzelnen Periodenprodukte? Fragen, die sie fast täglich beantwortet.  

Wo Wissen fehlt, haben Mythen Platz. Das weiß auch Luna Kurafeiski. Besonders nerve sie „der Mythos von der Frau, die zur Zicke wird und mit Seidenhandschuhen angefasst werden muss, sobald sie ihre Tage hat.“ Ein Bild, mit dem sie aufgewachsen ist. Wie ihre Mitschülerinnen glaubte auch sie lange, während ihrer Regel nicht schwimmen gehen zu dürfen. Und dass es nichts Schlimmeres gebe, als wenn ein Blutfleck auf ihrer Jeans auftauche.

Glaubenssätze, über die Luna Kurafeiski heute nur den Kopf schütteln kann. Was nicht heißt, dass sie die Scham ganz losgeworden ist. So war sie zu Beginn ihres Studiums mit anderen bouldern. Und ohne dass sie es vorher geahnt hatte, bekam sie währenddessen ihre Tage. Bemerkt hatte sie das aber erst, als sie danach einen Blutfleck in ihrer Hose entdeckte. Sie schämte sich so sehr, dass sie zu ihren Mitstudierenden danach auf Abstand gegangen ist.

Eine Scham, die auch Sophie Achner häufig beobachtet. Die 25-Jährige arbeitet in der freien Straffälligenhilfe der AWO. Auch sie nimmt gespendete Periodenprodukte an. In den Räumen eines ehemaligen Industriebaus im Berliner Gesundbrunnen kommen Frauen zusammen, die kleine Diebstähle begangen haben oder wiederholt ohne Fahrkarte unterwegs waren und die Geldstrafe nicht bezahlen können. Bei Sophie Achner können sie ihre Strafe abarbeiten.

Unerträgliche Schmerzen

In der Kleiderkammer begutachten, waschen und bepreisen sie Kleiderspenden, können aber auch kreativ arbeiten und Taschen und Stofftiere nähen. „Das Thema Menstruation ist für viele weiterhin ein Tabu“, sagt die Sozialarbeiterin. „Ich hatte mal eine Klientin, der am Monatsende das Geld ausgegangen war. Dann bekam die Tochter ihre Periode. Also hat sie für sie Tampons geklaut und wurde dabei erwischt. Ihre Geldstrafe hat sie bei uns abgearbeitet.“

Wer von Armut betroffen ist, dem fehlt oft nicht nur das Geld für Tampons, sondern auch der Zugang zu Informationen. „Manche Frauen erzählen mir, sie haben so starke Regelschmerzen, dass sie mehrere Tage nicht aufstehen können“, sagt Achner. „Ich versuche dann fürs Thema Endometriose zu sensibilisieren und ermutige die Frauen, sich untersuchen zu lassen.“ 

Auch bei Luna Kurafeiski steht dieser Verdacht im Raum. Bei der zyklusbedingten Erkrankung siedelt sich Gewebe, das der Gebärmutter ähnelt, außerhalb des Organs an. Das kann unter anderem zu starken Schmerzen und Unfruchtbarkeit führen. Allein in Deutschland sind acht bis 15 Prozent aller gebärfähigen Menschen betroffen. Doch ein breiteres Bewusstsein für die Erkrankung ist erst in den letzten Jahren entstanden, insbesondere auch durch Social Media. 

„Die jungen Menschen von heute sind die erste Generation, die offener mit der Periode umgeht“, bemerkt Luna Kurafeiski. „Für sie ist es nichts Schmutziges mehr, wofür Frauen sich schämen müssten.“ Obwohl oder vielleicht auch gerade weil sie ihre Scham noch nicht ganz ablegen konnte, versucht Kurafeiski neben ihrem Ehrenamt auch im Alltag das Schweigen zu brechen, das vielerorts immer noch herrscht, wenn es um den Zyklus geht. Mikrofeminismus nennt sie das. So wie sie im Alltag ganz ohne Hemmung sagen würde, dass sie gerade Hunger oder Kopfschmerzen hat, sagt sie dann, dass sie ihre Tage hat. So wie heute. 

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