Im Visier — Liu Dejun

Enteignet, misshandelt, ermordet. Das Regime in China hat dem Blogger Liu Dejun und seiner Familie über Generationen hinweg Leid angetan. Heute lebt er im Exil in Bayern. Von Deutschland aus will Dejun den autoritären Einparteienstaat stürzen.
20. November 2025
6 Minuten Lesezeit
Text: Anne Brockmann — Fotos: Jennifer Schäufelin

Liu Dejun erinnert sich noch gut an eine chinesische Redewendung: „Shuǐ shēn huǒ rè.“ Auf Deutsch etwa: „Sie leben noch – sogar im tiefen Wasser und im heißen Feuer.“ Und genau das ist es, was Dejun empfindet, was ihn charakterisiert: Er ist ein Überlebender des tiefen Wassers und des heißen Feuers. Er hat diesen Urgewalten getrotzt: Für Dejun sind dies die Funktionäre und das autoritäre System der Kommunistischen Partei in China, kurz: KPCh.

Dejun wurde 1976 geboren, knapp 30 Jahre nach der Machtübernahme von Mao Zedong und der Gründung der Volksrepublik China. Und als Nachkomme von Grundbesitzern: „Großväter und Großonkel besaßen Land, das sie geerbt hatten, weil es lange im Familienbesitz war. Doch damit waren sie und auch alle Generationen nach ihnen automatisch Feinde der Partei.“

Zwischen 1947 und 1952 startete die KPCh mehrere sogenannte Bodenreformkampagnen. Ziel war die Beseitigung der ländlichen „Ausbeuterklasse“ durch die Umverteilung von Grund und Boden an landlose oder arme Bauersleute. Die Partei ließ Menschen mit Grundbesitz ohne Entschädigung zwangsenteignen. Sie wurden außerdem öffentlich gedemütigt, gefoltert und hingerichtet. Fachleute schätzen die Zahl der Opfer auf bis zu fünf Millionen.

Überlebende und Hinterbliebene waren über Generationen hinweg sozial stigmatisiert und diskriminiert. Der Staat versagte ihnen den Eintritt in die Partei, verwehrte ihnen zum Beispiel den Zugang zu höherer Bildung und ließ sie durch die örtlichen Behörden überwachen.

Liu Dejun erinnert sich noch gut an die erste Konfrontation mit seiner Herkunft – es war bei seiner Schuleingangsuntersuchung. Die Testung verlief eigentlich gut. Er sei ein kluges Kind gewesen, sagt er von sich selbst. Die Lehrerin forderte ihn irgendwann auf, bis hundert zu zählen. „Als ich bei 26 war, stoppte sie mich und meinte, das würde reichen. Ich sei schnell.“ Plötzlich stieß eine Frau aus der Schulverwaltung hinzu. Sie lebte in demselben Dorf wie der kleine Liu Dejun und seine Familie auch. Die Frau erkannte den Jungen und die Untersuchung nahm eine ungeahnte Wendung.

Was denn der Enkel von ehemaligen Grundbesitzern hier wolle, habe sie sinngemäß gefragt. Die Schule lehnte ihn ab. Er sei zu jung, so die offizielle Begründung. „Als ich nach Hause kam, wollte ich sofort von Vater wissen, was Grundbesitzer sind. Ob das etwas Schlimmes ist?“ Liu Dejun habe daraufhin zum ersten Mal von der gewaltvollen Vergangenheit seiner Familie erfahren – oberflächlich zunächst, später sehr detailliert.

Pläne für den Putsch

Von der Urgroßmutter väterlicherseits zum Beispiel, die entführt und verschleppt wurde und für 18 Körbe voller Silbermünzen wieder freigekauft werden konnte. Von dem Haus, in dem sie zusammen mit Großvater lebte, aus dem sie aber vertrieben und zwangsumgesiedelt worden seien. „An einen menschenleeren Ort ohne Infrastruktur“, sagt Dejun. Sie hätten sich dort eine spartanische Hütte gebaut und Fische aus einem Bach gegessen, um nicht zu verhungern.

Und der Großonkel mütterlicherseits habe als Zwangsarbeiter Eisenbahnschienen verlegen müssen und dabei so wenig zu essen bekommen, dass seine Haut ganz grün geworden sei. Vor Hunger hätte er Laub zwischen seinen Händen verrieben und hinuntergewürgt.

Die brutale Familiengeschichte und ein freigeistiges Elternhaus prägten Dejun. Und so fasste er schon während der Highschool und mit anderen den Plan, nach dem Abschluss zum Militär zu gehen. Sie wollten Chinas Streitkräfte unterwandern und einen Putsch anzetteln. Denn anders als in vielen Ländern ist das Militär in China nicht dem Staat, sondern direkt der Partei unterstellt und damit ein zentrales Machtinstrument der KPCh. 

„Die Zugangsvoraussetzungen sind nicht gerade hoch. Trotzdem hat mir der politische Leiter unserer Klasse klargemacht, dass ich zwar an die Polizeihochschule gehen könnte, nicht aber an die Militärakademie. Jemand muss uns verraten haben“, meint Dejun. Es folgten Jahre als Angestellter in einem Gefängnis, ehe er 2000 mit 24 nach Peking ging. Dejun wollte sich mit Engagierten für Menschenrechte vernetzen, nachdem er in einer westlichen Radiosendung gehört hatte, welchen Repressalien sie ausgesetzt seien. „Im Gefängnis liefen bei mir Sender wie Deutsche Welle, Voice of America und Radio Free Asia. In Peking werden die gestört.“

Drei Jahre später schleuste er sich in eine Fabrik in der chinesischen Provinz Guangdong ein, dokumentierte undercover Menschenrechtsverletzungen und klärte die Beschäftigten über ihre Rechte auf. Seine Erfahrungen, polizeiliche Willkür, Verfolgungen, Misshandlungen machte Dejun bald darauf auf einem eigenen Blog und in diversen Internetforen öffentlich. So geriet er ins Visier der Partei und löschte bald alles wieder.

2008 wurde Liu Dejun in Guangdong verhaftet, weil er zusammen mit anderen Aktivisten Flugblätter erstellt und in Umlauf gebracht hatte, um für ein Mehrparteiensystem und freie Wahlen zu werben. In den folgenden drei Jahren wurde Liu Dejun mehrfach festgenommen, verprügelt, ausgeraubt, verschleppt und misshandelt. „Einmal haben die Polizisten gedroht, mich umzubringen und meine Organe zu verkaufen. Vorher hatten sie mir eine Tüte über den Kopf gezogen und zugebunden. Ich habe 30, 40 Minuten lang kaum noch Luft bekommen.“ Schmerz und Scham lacht er beim Erzählen in Übersprungshandlungen weg. 

Die Leiden der Familie

Für gewöhnlich spricht er ruhig und konzentriert, verzieht kaum eine Miene. Wenn er jedoch von der Folter berichtet, die er erlebt hat, greift er sich reflexartig immer wieder ans rechte Ohrläppchen oder streicht langsam über den rechten Kieferknochen. Die Haut dort scheint wieder intakt, zieht sich makellos über das feine schmale Gesicht. Früher, so sagt Dejun, war sie an dieser Stelle mal fast schwarz – verbrannt von vielen Elektroschocks. 

Schwerer als an den eigenen Verwundungen leide Dejun an der Drangsalierung seiner Familie. Als er noch in China lebte, verhörte, überwachte und belästigte die Partei auch seine Eltern und seine Schwester. Inzwischen sind beide Eltern tot. Ein rasender Motorradfahrer erfasste seine Mutter vor der eigenen Haustür, packte sie und schleifte sie dutzende Meter weit über den Beton. Sie erlag ihren schweren Kopfverletzungen. Dejun ist sicher, dass es ein Anschlag war. Lange Zeit habe er fast jede Nacht davon geträumt und sei mit Tränen aufgewacht. 

Seither hat sich dieser Traum verändert, ist nicht nur seltener geworden, sondern irgendwie auch tröstlich: „Wenn ich weine, begegne ich jetzt einem lächelnden alten Mann. Der hat eine Glatze und einen kugelrunden Bauch. Er sagt nichts, streicht mir liebevoll über den Rücken.“ Dass der Gedanke an einen Buddha naheliegt, findet Liu Dejun selbst. Auch wenn er betont, nicht gläubig zu sein. Über die Verwandlung seines Traumes freue er sich trotzdem.

Für einen politischen Wandel in China kämpft Dejun seit 2013 von Deutschland aus. Mit Hilfe des Writers-in-Exile-Programms kam er nach Erlangen. In den Statuten des Programms heißt es: „Literatur kennt keine Landesgrenzen und muss in Zeiten internationaler Erschütterungen eine allen Menschen gemeinsame Währung bleiben.“ Das Programm bietet Schreibenden aus aller Welt, die in ihren Herkunftsländern verfolgt werden, einen dreijährigen Aufenthalt in Deutschland an. Neben einem monatlichen Einkommen, wird eine möblierte Wohnung gestellt. Außerdem gibt es eine feste Ansprechperson, die im Alltag unterstützt.

Seit das Stipendium beendet ist, verdient Dejun seinen Lebensunterhalt als selbstständiger Businessberater. Sein Herz schlägt aber weiterhin für den Systemwechsel in China. Deshalb spricht er auf Bildungs- und Kulturveranstaltungen aller Art und klärt über die Situation der Menschenrechte in China auf. Das Interesse sei mit der Pandemie aber stark eingebrochen.

Chinesische Märchen

Mit einem chinesischsprachigen Blog wendet sich Dejun vor allem an seine Landsleute, gelegentlich schreibt er auch auf Deutsch oder Englisch. Dejun sammelt, analysiert, ordnet und bereitet Informationen auf – zu allen möglichen Formen der Demokratie rund um den Globus. Die will er in der Tiefe verstehen. Denn er ist sicher: Nur mit fundierten Kenntnissen und Ideen wird er immer mehr Menschen in China für sein Anliegen gewinnen können.

Deshalb hat er ein Studium begonnen: Politik- und Rechtswissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. „Ich habe mir viele abstrakte Begriffe aufgeschlossen und auch besser verstanden, wie Staatsführung in verschiedenen Ländern konkret funktioniert. In China kursieren darüber viele Märchen und Lügen. Deshalb sind sogar diejenigen, die Verbindungen ins Ausland haben oder dort leben, oft Fans von Trump und Putin.“

Neben dem Blog betreut Dejun mehrere Telegram-Kanäle, die Menschen aus der chinesischen Demokratiebewegung zusammenbringen sollen. Kleinere und größere Gruppen können sich dort über Strategien, Erfolge und Misserfolge austauschen. „Was funktioniert und was passt in China? Ein komplett weißes Plakat auf einer Demonstration zum Beispiel. Das sagt viel aus, ist aber unverfänglich und kann nicht gegen die Person verwendet werden“, erklärt Dejun.

Den Link zum Kanal postet er in gängigen sozialen Medien. Doch weil Dejun davon ausgehen muss, dass er bespitzelt wird, gibt es für die Teilnehmenden klare Regeln. Niemand darf die persönlichen Daten von anderen erfragen und auch die eigenen nicht teilen. Anonym und lokal agieren, das sei die wichtigste Strategie, um sich selbst vor Repressionen zu schützen.

Hundertprozentig sicher fühle sich Liu Dejun selbst in Deutschland nicht. Sein Fahrrad sei mehrmals mutwillig beschädigt worden und in eine frühere Nürnberger Wohnung wurde eingebrochen. „Beweisen kann ich es nicht, ich spüre aber, dass im Hintergrund noch mehr passiert. Manchmal schauen fremde Landsleute mich auf der Straße drohend an“, sagt er.

Die leidvollen Lebensgeschichten seiner Vorfahren, der grausame Verlust der Mutter, die eigenen Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen in China, Einschüchterungsversuche in Deutschland – all das hat Liu Dejun weder entmutigt noch zum Schweigen gebracht. Er ist immer noch da, trotzt dem tiefen Wasser und dem heißen Feuer. Und er sagt: „Ich werde die Geschichte meiner Familie und die Wahrheit über die Verhältnisse in China so lange erzählen, bis die Kommunistische Partei entmachtet ist.“

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