Text: Jasmina Kuhnke — Foto: Benjamin Jenak
Am 25. Mai 2020 wurde George Floyd von Polizist*innen ermordet. Daraufhin gab es weltweit Demonstrationen. Auch in Deutschland gingen damals große Massen auf die Straßen. Seitdem sind fünf gewaltvolle Jahre vergangen. Mehrere Schwarze, rassifizierte Personen oder auch Menschen in psychischen Krisen wurden seither Opfer tödlicher Polizeigewalt.
Mouhamed Dramé wurde 2022 in einem Dortmunder Hinterhof mit sechs Schüssen aus einer Maschinenpistole erschossen, Lorenz A. am Ostersonntag 2025 mit drei Schüssen – unter anderem in den Kopf – auf einer Straße in Oldenburg hingerichtet. Die Liste der Todesfälle ist lang. Die der gewonnenen Gerichtsverfahren gegen die Mörder in Uniform: nicht existent.
Doch nicht alle bekannten Fälle lassen sich so eindeutig als Polizeigewalt erkennen wie die genannten. Ein aktueller Fall weckt zum Beispiel bittere Erinnerungen an die Todesumstände von Oury Jalloh. Dieser war 2005 in einem Polizeirevier im sachsen-anhaltinischen Dessau in seiner Zelle an eine Matratze gefesselt verbrannt. Die Beamt*innen behaupteten, dass sich der gefesselte, aus Sierra Leone stammende Jalloh selbst angezündet und so suizidiert habe.
Am 1. August dieses Jahres starb der 15-jährige Nelson in der JVA in Ottweiler im Saarland. Laut Polizei und Staatsanwaltschaft soll der Schwarze Teenager sich das Leben genommen haben. Häftlinge berichten, dass er zuvor von Angestellten physische Gewalt in Form von Schlägen erfahren habe. Mitgefangene demonstrierten Tage nach seinem Tod.
Wie der Tod von Oury Jalloh wirft auch der von Nelson Fragen auf, zu deren Beantwortung es die Aufklärung durch Gutachter*innen und die Justiz benötigen wird. Doch selbst dann bleibt die Hoffnung auf Gerechtigkeit gering – wie in allen Fällen tödlicher Polizeigewalt.
Dass Nelson zwar mit Genehmigung, jedoch ohne terminliche Rücksprache mit der hinterbliebenen Familie eingeäschert wurde, ist nicht nur skandalös, sondern lässt zusätzlich den Schluss zu, dass Schwarze Leben selbst nach dem Tod in diesem Land nicht zählen.
Im Grunde ist das eine sehr lange Einleitung für das, was mich – abgesehen von den Morden selbst – mit großer Trauer erfüllt. Was 2020 wegen des Mordes an George Floyd zu weltweiter Solidarität führte, wird hier zur Randnotiz. Das mag daran liegen, dass es bequemer ist, mit dem Finger auf die Umstände in den USA zu zeigen und sich davon abzulenken, dass auch hier Strukturen herrschen, die die Ermordung Schwarzer Menschen durch die Polizei ermöglichen.
Ein 15-jähriges Kind stirbt in einer Justizvollzugsbehörde in Deutschland, mitten unter uns – und doch erheben nur wenige ihre Stimmen gegen dieses Unrecht und in der Mehrzahl jene, die der Schwarzen Community angehören oder selbst anders rassifiziert sind. Was unser Land spaltet? Eure Gleichgültigkeit, wenn wir sterben. Das ist der Trennungsgrund. Unsere Väter, Mütter und Kinder sterben in diesem System und es lässt euch, eure Herzen kalt. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb ihr nicht an unserer Seite zu Tausenden auf den Straßen seid.
Und ja, es ist naiv, vielleicht sogar infantil, aber ich frage trotzdem und bitte euch aufrichtig darum, eure Herzen zu öffnen: Wie sollen wir euch das je vergessen? Wie soll es möglich sein, diese Ignoranz zu verzeihen? Viel ist seit 2020 passiert. Doch es ist zu wenig. Denn für euch hat das Movement gezählt – nie George Floyd selbst.
Jasmina Kuhnke wurde 1982 in Hagen (NRW) geboren. Sie ist Autorin und Filmschaffende und veröffentlichte die Bestseller „Schwarzes Herz“ und „White Lives Matter“.