Text: Jasmina Kuhnke — Foto: Benjamin Jenak
Während die Welt in Flammen steht, gucke ich fasziniert über die unverhohlene Ignoranz – Social Media Postings und Storys weißer Influencer*innen, die nach Dubai ausgewandert sind. Es fällt mir schwer, das Gesehene mit dem in Einklang zu bringen, was ich in Storys iranischer, kurdischer und libanesischer Freund*innen sehen muss. Verzweifelte Menschen, Mütter und Väter, die ihre Töchter betrauern, deren Schule bombardiert wurde und sie das Leben kostete.
Menschen, die in den letzten Jahrzehnten schreckliches Leid erfahren haben und nun vor den Trümmern stehen, unter denen ihre Kinder, Geschwister, Enkel begraben sind und ihre Verzweiflung und Trauer in die Welt schreien.
Dagegen die weißen Influencer*innen, die – in einem immer gleichen Setting, moderner Neubau mit handgefertigten Möbeln, die sich doch alle so ähneln, dass es die Dubai-Version eines schwedischen Möbelhauses sein könnte – ihre Smartphone-Kameras (natürlich die des iPhone 17 Pro) ins gut gebräunte Gesicht halten und beteuern, dass sie in Sicherheit sind.
Don‘t get me wrong: Ich möchte nicht, dass in Dubai Menschen durch Bomben sterben! Die Ignoranz jener Personen, die die Wohlstandsverwahrlosung in die Abartigkeit zelebrieren, ist jedoch verblüffend. Sie alle berichten dasselbe: Dass sie, obwohl etwa das Luxushotel Burj Al Arab getroffen wurde, keine Angst hätten, da die Scheichs sie ja beschützen würden. Und nichts steht symbolischer für die Entpolitisierung des Weißseins als die Tatsache, dass diese Influencer*innen unkritisch Werbung für das Emirat betreiben, das für seine Menschenrechtsverletzungen bekannt ist.
Darauf hingewiesen, ließ sich eine jener Influencer*innen dazu hinreißen, ein weiteres ausführliches Video zu posten, in dem sie Kritiker*innen beschimpft und ihnen Neid vorwirft. Das ist eine gängige Methode unter den Expats: Jegliche Kritik auf die Neiddebatte schieben. Also habe ich beschlossen, das ernsthaft zu reflektieren. Es gibt einiges, um das ich jene Personen beneide: Wohlstand, ein gutes Facelift und Sonne.
Doch ich würde all das nicht haben wollen, wenn ich dafür akzeptieren müsste, dass in den Vereinigten Arabischen Emiraten moderne Sklaverei betrieben wird, der meinen Wohlstand nährt, dass Homosexualität strafbar ist, die Meinungs- und Pressefreiheit derart eingeschränkt ist, dass es nicht einmal möglich ist, die Regierung oder Religion zu kritisieren oder ich überall überwacht werde. Dann bleibe ich doch lieber broke, faltig und blass!
Eines dieser Propagandavideos, das rauf und runter gepostet wurde, ist mit dem Song Papaoutai („Papa, wo bist du?“) musikalisch unterlegt. Darin suggeriert die postende Person, gefragt worden zu sein, ob sie nicht Angst hätte, in Dubai zu leben. Dies verneint sie mit dem Hinweis, dass die Führer der Vereinigten Emirate – die im Video zu sehen sind, wie sie geschlossen durch eine dieser vielen Malls laufen – sie schließlich schützen würden.
Und genau diese Szene steht exemplarisch dafür, wie wenig politisch sensibilisiert diese Leute sind. Der Song, den sie für ihr Propagandastück gewählt haben, ist von Stromae und autobiografisch. Er handelt von dem traumatischen Verlust des Vaters, der 1994 Opfer des Völkermords in Ruanda wurde.
Es freut mich, dass jene Influencer*innen in Sicherheit leben, niemand sollte in Unsicherheit leben. Es hinterlässt mich allerdings ratlos, wie sie so verblendet sein können und die schiere Boshaftigkeit dahinter nicht wahrhaben will, dass die eigene Sicherheit eben auf dem Leid anderer basiert. All die Jahre wurden Codes, Abnehmchallenges und Shapewear promotet. Kein Wort zu den Katastrophen und Kriegen der Welt – und ich bevorzuge es, dass es auch jetzt dabei bleibt. Ich möchte keine Propaganda von irgendwelchen Menschen, die nicht weiterdenken als bis zur nächsten Botoxinjektion. Wobei, ich müsste demnächst auch mal …
Jasmina Kuhnke wurde 1982 in Hagen (NRW) geboren. Sie ist Autorin und Filmschaffende und veröffentlichte die Bestseller „Schwarzes Herz“ und „White Lives Matter“.