Immer Montags — Janusz Riese

In Gera gibt es sie noch: rechte Montagsdemos. Seit 2021 ziehen hier wöchentlich Neonazis durch die Stadt. Janusz Riese und ein Aktionsbündnis halten mit eigenen Kundgebungen dagegen – und das schon seit mehr als 90 Wochen. Ein Besuch.
23. Juni 2026
3 Minuten Lesezeit
Text: Jacob Queißner — Fotos: Benjamin Jenak

Ein Keller irgendwo in Gera: Janusz Riese trägt Demo-Material nach draußen und lädt alles in ein Auto. „Braucht der DJ einen Tisch?“, fragt eine Helferin. „Nimm ihn lieber mit“, meint Riese. „Es gab schon Einsätze, da bin ich viermal zurück“, bemerkt er und schleppt eine schwere Kiste die steile Treppe hoch. Zwei große Lautsprecher, einen Pavillon, einen Grill, Fahnen, Tische und mehrere Banner – all das brauchen sie für ihre wöchentliche Kundgebung am Theater. Heute sind sie nur zu zweit. „Das Verladen ist das Schlimmste daran“, findet Riese.

Das Aktionsbündnis Gera gegen Rechts ist Anfang der Zehnerjahre bei den Protesten gegen das Neonazi-Festival „Rock für Deutschland“ entstanden. Tausende Rechtsextreme kamen damals in Thüringens Otto-Dix-Stadt. Der Widerstand war groß. Seitdem ist auch Riese dabei und dauerhaft gefordert: Erst Thügida, später die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen und schließlich rechte Montagsdemonstrationen.

Seit Dezember 2021 sammeln sich Neonazis Woche für Woche in Gera. „Das müssen wir doch blockieren“, hieß es damals. Mit anderen organisierte Riese kurzfristig einen Gegenprotest. Drei Monate lang hielten sie mit einer Menschenkette dagegen. Irgendwann habe die Polizei gesagt: „Wir können sie hier nicht mehr schützen.“ Als die Situation zu eskalieren drohte, weil Rechte die Kundgebung beinahe überrannten, pausierte der Gegenprotest.

Angeführt vom vorbestraften Neonazi Christian Klar, der Anfang des Jahres untergetaucht war und im Mai in Spanien festgenommen wurde, blühte die rechte Szene in Gera regelrecht auf. Ständig gab es neue Aktionen: Protestcamp vor einer Geflüchtetenunterkunft, Patrouillen einer Bürgerwehr oder Großdemos am Tag der Deutschen Einheit. Drehteams aus Japan, den USA oder Italien zementierten den Ruf Geras als neues rechtes Zentrum. Das Aktionsbündnis und andere antifaschistische Gruppen wollten sich damit allerdings nicht abfinden. 

Als Neonazi Christian Klar im Sommer 2024 im Streit mit dem Ordnungsamt seine Demo nicht mehr offiziell anmeldete, reagierte das Aktionsbündnis prompt – und beansprucht den Platz vor dem Theater seitdem für sich. Statt Hetzreden gibt es hier jede Woche ein wechselndes Kulturprogramm. Seit über 90 Wochen und ohne Unterbrechung.

Die Organisation der Kundgebungen nehmen inzwischen viel Platz in Janusz Rieses Leben ein. Während der Protest selbst nur etwa zwei Stunden dauert, haben er und die anderen Aktiven bis zu fünf Stunden mit Vorbereitungen und den Absprachen mit der Versammlungsbehörde zu tun: „Das macht viel Arbeit, wird aber auch sehr gewürdigt.“

Plötzlich im Rampenlicht

Selbst wenn die Rechten nicht demonstrieren, wie um Weihnachten 2025, findet „Gutes für Gera“ statt. „Wir wollen zeigen, dass wir auch unabhängig von den Nazis unser Ding machen“, sagt Riese. Sollten die rechten Demos irgendwann enden, würde das Bündnis bleiben. Doch danach sieht es aktuell nicht aus, auch wenn von den anfangs 4 000 Teilnehmenden nur ein harter Kern mit weniger als 150 Ewiggestrigen geblieben ist. Zu sehen sind Friedensfahnen, Neonazis in Militäruniform, Flaggen des Kaiserreichs, der BRD und mit den Farben Russlands. AfD-Vertreter tragen Banner zusammen mit bekannten Reichsbürgern oder halten Reden vor Fahnen der NPD-Nachfolgepartei Die Heimat. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Die anderen davon zu überzeugen, die Seite zu wechseln, daran glaubt Riese nicht. Für ihn und seine Mitstreitenden gehe es darum, mehr Leute für die eigene Sache zu gewinnen. Riese war lange CDU-Mitglied und ärgert sich, dass die Kundgebungen bislang vor allem das linke und weniger ein bürgerliches Spektrum anspreche. Proteste gegen rechts sollten eigentlich politische Lager vereinen, findet der Mitorganisator. Doch die Zahlen stagnieren: oft seien es dieselben 30 bis 50 Gesichter am Theater, je nach Programm auch mal 100.

Dabei hat antifaschistischer Protest in Gera Tradition: 1932 musste Adolf Hitler einen Besuch im Wahlkampf verkürzen, weil sich der Gegenprotest mit SA und Polizei eine Straßenschlacht lieferte. 1989 trugen hier große Donnerstagsdemonstrationen zum Ende des SED-Regimes bei. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass die AfD inzwischen die Mehrheit im Stadtrat stellt. 

Einen politischen Wandel musste Riese genauso in den eigenen Reihen miterleben. Anfangs übertrug das Bündnis einem damaligen SPD-Landtagskandidaten die Aufgabe, Kundgebungen anzumelden. Doch der traf sich eines Tages unabgesprochen mit Neonazi Christian Klar, weiß Riese. Um Feindseligkeiten abzuräumen, heißt es. „Das war ein maximaler Schock.“ Später gab es einen öffentlichen Parteiaustritt, Restaurantbesuche mit Neonazis und Teilnahmen an den rechten Demonstrationen. 

Das Bündnis hat sich danach neu aufgestellt und Riese übernahm die Position des Anmelders: „Ich bin da so reingestolpert.“ Dabei habe er gar nicht wirklich ins Rampenlicht gewollt. Seine erste Kundgebung meldete Riese im April 2024 an: ein Gegenprotest zu einem großen Treffen der Reichsbürgerbewegung in Gera. „Total nervös“ sei er damals noch gewesen. Das jedoch habe sich über die vielen Wochen des Demonstrierens längst gelegt.

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