Klingt gut — Jan Maihorn

Bei Wahlen färben sich die ostdeutschen Länder immer wieder tiefblau. Als Reaktion darauf hat Komponist Jan Maihorn das NotenPunkOrchester geschaffen. Eine musikalische Stimme aus dem Osten für den Osten – und gegen rechts.
18. März 2026
5 Minuten Lesezeit
Text: Laura Catoni — Fotos: Karla Schröder

„Du nimmst den Staatsmann mal ganz herzlich in den Arm. Und sagst ihm ins Gesicht, was dir gefällt und was nicht“, singt Gerhard Schöne. Als einer der bedeutendsten DDR-Liedermacher schreibt er 1988 in seinem Lied „Du hast es nur noch nicht probiert“ über utopische Szenen. Schönes Song ist ein mutiger Appell ans Grenzen sprengen, ein Abschied von Konventionen – und auch eine Ode an die kindliche Naivität. Da wundert es kaum, dass Jan Maihorn mit genau dieser Platte auf die Frage antwortet, wer ihn musikalisch geprägt habe.

Denn ein bisschen was hat der Theaterkomponist von dem Charakter, den Schöne in „Du hast es nur noch nicht probiert“ skizziert: voller Tatendrang und Idealismus, die an mancher Stelle an kindlichen Übermut grenzen. Aber vielleicht braucht es diesen ja gerade jetzt. In einer Zeit, in der Autokratie und Autorität wachsen und demokratische Werte bröseln?  

Es war im Juli 2024, als Jan Maihorn in Dresden das NotenPunkOrchester, kurz NPO, gründet. Ein loser Zusammenschluss aus etwa 60 professionellen Musizierenden. Die Gruppe versteht sich als Stimme aus dem Osten für den Osten – und als Gegenstimme zu Lockrufen wie „Wir sind das Volk“ oder „Vollende die Wende“. Ob klassisches Instrument, Rap oder Chorgesang: Was im Orchester zählt, sind die politischen Inhalte, die sein Musik transportieren soll.

Maihorn wuchs in den Achtzigern in Ost-Berlin auf, auf seinem Plattenspieler liefen Rio Reiser, Gerhard Gundermann und Frank Zappa – Musiker, deren Songs immer auch Gesellschaftskritik waren. „Sie haben es geschafft, alle Themen des Lebens anzusprechen, vom Intimsten bis zum Weltumspannenden“, schwärmt Maihorn, als er an einem Vormittag in einem alten Sessel in den Dresdner Ballroom Studios sitzt. Die Stimmung ist positiv-melancholisch. Hier ist einer der ersten Songs des Orchesters entstanden. Als er Gerhard Schönes Live-Album von 1988 mit dem Song „Du hast es nur noch nicht probiert“ das erste Mal gehört hatte, sei ihm schnell klar gewesen: „Das ist das, was ich mal machen will.“

Maihorn studierte nach seinem Abitur in Berlin, Liverpool und Rotterdam. Er fühlte sich in der Weltmusik zuhause, in großen, international besetzten Ensembles. Seitdem ist Musik für den Komponisten „ein grenzenloser Raum, in dem tausende Brücken entstehen können“.

Aufbruch und Scheitern

Verbindungen schaffen, das wollte er auch mit dem NotenPunkOrchester, das er als Reaktion auf die letzte Europawahl ins Leben gerufen hat. Damals wurde die AfD in allen ostdeutschen Ländern stärkste Kraft. Maihorn erinnert sich, wie er in den Monaten davor Erich Kästner und Kurt Tucholsky gelesen hatte. Ihre Texte, die wenige Jahre vor der Machtergreifung durch die NSDAP entstanden waren, erschienen ihm angesichts der derzeitigen Weltlage „hochaktuell“. „Als ich die Wahlergebnisse im Osten sah, wusste ich: Da muss jetzt ein Song raus!“ 

Also rief Maihorn sein musikbegeistertes Umfeld zusammen. „Unser Lied zuerst“ erschien damals noch vor den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen im Herbst 2024 erscheinen – was gelang. Die meisten Kunstschaffenden, die er anfragte, seien sofort dabei gewesen, erzählt er. „Weil sie nicht mehr nur am Theater irgendwas spielen, sondern sich positionieren wollten.“ Vier Songs sind seitdem entstanden, ohne Proben und mit Musizierenden, die teilweise in verschiedenen Studios saßen. Jan Maihorn lieferte Texte und Kompositionen. Wenn er über die Aufnahmen spricht, klingt die Aufbruchstimmung aus dem Sommer 2024 noch immer nach.

Mehr als 30 000 Euro habe er in das Projekt gesteckt: für Honorare, Studiomiete, Website und die Videoproduktion. Seine Mitstreitenden nach einer Umsonst-Leistung zu fragen, das kam für ihn nicht in Frage. „Ich dachte, ich latz’ da jetzt das Geld rein, damit wir uns hier in Zukunft nicht mehr schämen müssen, weil sich in der Tagesschau die ganze ostdeutsche Landkarte wieder blau färbt“, bemerkt Maihorn. Er dachte, nach ein paar Songs würden die Klickzahlen steigen, Fördermittel fließen, sich Sponsoren melden, Musikbegeisterte anfragen, um eigene Ideen mit dem Orchester zu realisieren. Doch das alles blieb aus, nach vier Songs war Schluss. 

Heute sitzt der Komponist in einem stillen Studio und erzählt, dass er sich manchmal frage, „in welchem Zustand“ er damals gewesen sei, um all sein Erspartes für das Orchester auf den Kopf zu hauen. Ein Zustand, den er durchaus kenne: „eine musikalisch-kreative Manie“, in der alles egal ist und er einfach nur glücklich ist, ein bisschen künstlerische Selbstwirksamkeit zu spüren. Ob er das Vergangene bereut? „Nein.“ Doch das Projekt sieht er als „gescheitert“.

Jan Maihorn hat das NPO trotz allem nicht aufgegeben. Mit seinen ersten vier Liedern habe das Projektorchester bewiesen, was es drauf habe. Nur sei das noch nicht ausreichend zu anderen in der Kulturszene durchgedrungen. Maihorn ist sich sicher, dass es Menschen gibt, „denen was auf der Seele brennt“, denen eine Band fehlt, die aber das Bedürfnis haben, sich künstlerisch zu äußern. Für sie habe er es ins Leben gerufen. „Wir haben immer noch um die 60 Leute, die sich jederzeit freuen würden, wenn jemand mit ihnen was aufnehmen will.“

Türen fürs Unbewusste

Sein Projekt sieht er als eine Art orchestralen Notdienst. „Musikalisches Einsatzkommando“ wollte er es anfangs nennen. Das jedoch sei dem überzeugten Pazifisten „zu militaristisch“ gewesen. Also „NotenPunkOrchester“. Eine scheinbare Unvereinbarkeit, hält der Punk doch in der Regel wenig von klassischen Notenblättern. „Dieser Widerspruch im Namen war wichtig, weil unsere Realität widersprüchlich ist. Und unsere Musik soll genau das benennen.“ 

Es ist dieser Idealismus, der einen im Gespräch mit Maihorn zum Schmunzeln bringen kann. Doch schwingt in ihm auch eine gewisse Dringlichkeit mit. Der Komponist spricht von einem „Raubtierkapitalismus“, der sich festgefahren habe, von einer „Angstmacherei“ durch rechte Parteien und die Axel-Springer-Presse und von einem politischen Klima des Hasses und des Misstrauens. Was es brauche, sei eine ökologische, soziale Transformation, findet Maihorn. Während er diese skizziert, stellt er auch immer wieder Rückbezüge zur DDR her, zur – aus seiner Sicht – sozialistischen Wirtschaftsweise und zur kollektivistischeren Lebensweise. 

Ob da die Ostalgie aus ihm spricht? Nein, beteuert der Klangkünstler. Er wolle nicht in die DDR zurück, das Geschehene, Verbrechen nicht verklären. Doch er will den Ostdeutschen mit ihren Lebenserfahrungen, Verletzungen und Enttäuschungen, die mit der Wende kamen, sagen: Ich sehe und verstehe euch! Doch wie weit reicht dann dieses Verständnis, wenn bei Wahlen in manchen Gemeinden in Thüringen und Sachsen über 50, teilweise über 70 Prozent an die AfD gehen? „Wenn sich jemand rassistisch äußert, bin ich natürlich nicht mehr in der Pflicht, mit ihm zu diskutieren“, sagt Maihorn. Doch er ist sich sicher, dass es da noch Leute gibt, die nicht aus Überzeugung blau wählen, ja sich sogar unwohl damit fühlen. 

Auch die will er mit der Musik erreichen. Gleichzeitig positioniert sich das Projektorchester in seinen Songs klar gegen rechts. Fraglich bleibt, ob sich damit Menschen erreichen lassen, die Weidel, Höcke und Co. ihre Stimme geben. Maihorn glaubt weiter dran. „Lieder öffnen Türen fürs Unbewusste“, sagt er, wieder mit einem für ihn so typischen Idealismus: „Die Lieder, die im Osten Ende der Siebziger und Achtziger entstanden sind, haben die großen Fragen benannt. Was einmal veröffentlicht wurde, war nicht mehr einzufangen“, erklärt Maihorn. „Warum sollte uns das heute nicht noch einmal gelingen?“

Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen. Unser Selbstverständnis: Journalismus mit Haltung. Du kannst uns ganz einfach bei Steady unterstützen oder auch mit einer Spende via PayPal.

Weiterlesen

Festung — Anni und Ovidio

Saalfeld in Thüringen: Wo der NSU einst enge Verbündete hatte, schafft ein Verein seit mehr als 30 Jahren den Raum für linke Ideen und alternative Kultur. Anschläge durch Rechtsextreme sind noch immer Alltag. Ein Besuch im Schloßberg.

Mehr Nazis als Biber — Paul

Demmin in Mecklenburg-Vorpommern ist bekannt für rechtsextreme Aufmärsche am 8. Mai – und für eine starke Gegenwehr, die 2025 aus dem Umland kam. Was ist übrig, wenn die Demonstration endet? Ein Besuch bei einem, der bleibt.

Lila-weiße Welt — Viola.161

An jedem Spieltag setzt die Fangruppe Viola.161 antifaschistische Botschaften im Stadion. Fußball und Politik gehören hier zusammen, es gibt keine Hierarchien und Beleidigungen sind tabu. Ein Besuch in der Kurve von Tennis Borussia Berlin.

Nette Nachbarn — Franziska Reich

Das thüringische Kahla hat ein Problem mit Neonazis. Doch es gibt Menschen, die dagegenhalten. Eine antifaschistische Gruppe hat hier eine Nachbarschaftsstube eröffnet – und zeigt, wie neuer Zusammenhalt entstehen kann. Ein Besuch.

Ostblick — Kolumne Jakob Springfeld

Warum ich über den Sommer kein Europabotschafter geworden bin. Ein Text oder eher ein verlängerter Tagebucheintrag übers Pausemachen in Krisenzeiten, über Europas Parallelwelten und Begegnungen, die ich erst noch verarbeiten muss.

Journalismus mit Haltung

Mit Veto geben wir Aktivismus eine mediale Bühne und stellen all jene vor, die für Veränderung etwas riskieren. Veto ist die Stimme der unzähligen Engagierten im Land und macht sichtbar, was sie täglich leisten. Sie helfen überall dort, wo Menschen in Not sind, sie greifen ein, wenn andere ausgegrenzt werden und sie suchen nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten da draußen: Ihr seid nicht allein!

Du kannst uns mit einer Spende unterstützen: DE50 4306 0967 1305 6302 00 oder via PayPal.