Zum Heulen — Hans-Holger Liste

Hans-Holger Liste will verhindern, dass sich Geschichte wiederholt. Denn der Wolf wurde in Deutschland schon einmal ausgerottet. Damit die Jagd verboten bleibt, sucht er nach Fell und Kot und legt sich mit „bewaffneten Psychopathen“ an.
30. Dezember 2025
5 Minuten Lesezeit
Text: Anne Brockmann — Fotos: Sina Opalka

Als kleiner Junge waren die Märchen der Brüder Grimm für Hans-Holger Liste eine Art Arznei. „Wenn ich krank war, habe ich sie verschlungen. Eines mochte ich aber nie: wie in Märchen mit dem Wolf umgegangen wird.“ Schon damals hatte er so ein dumpfes Gefühl. Ist der Wolf wirklich ein hinterlistiges Wesen, das den Tod durch einen Jäger verdient?

Heute ist aus der Beklemmung aus Kindheitstagen ein Antrieb geworden. Vor gut vier Jahren begann Liste, sich dem Tierschutz zu widmen, und gründete die Allianz Wolf Brandenburg: ein loses Bündnis von Ehrenamtlichen, das sich um heimgekehrte Wölfe kümmert. Der 62-Jährige lebt in Fichtenwalde, einem waldreichen Ortsteil von Beelitz unweit von Potsdam.

Angefangen hatte alles Ende der Neunziger in den USA, wo Liste mit seiner Familie drei Jahre lang lebte. Während eines Vortrags zur Wiederansiedlung von Wölfen in den Appalachen wurden zwei lebende Wölfe durch den Saal geführt. Für Liste war es ein berührender Moment.

Wieder in Deutschland begegneten Liste die Wölfe vor allem in den Schlagzeilen. 1996 wurde erstmals darüber berichtet, dass der Wolf nach rund 150 Jahren aus Polen zurückgekehrt war. 2000 wurde in der Lausitz wieder ein Wolfswelpe geboren. Für Liste war das der Moment, selbst aktiv zu werden. Und so bot der Agrarwissenschaftler 2018 dem brandenburgischen Landesamt für Umwelt sein Mittun beim Säugetiermonitoring an. „Wildtierkameras aufhängen und betreuen, Fuß-, Fell- und Kotspuren aufstöbern, Proben nehmen und Geokoordinaten festhalten“, fasst Liste die Aufgaben zusammen.

Beim Säugetiermonitoring wird erfasst, wie sich Populationen entwickeln und wo sie sich aufhalten. „Eine Maßnahme, um die Öffentlichkeit zu beruhigen“, meint Liste. „Ich kann die Angst vor dem Wolf und freier Natur nicht nachvollziehen, aber viele Menschen fühlen sich offenbar sicherer, wenn sie den Eindruck haben, sie könnten die Verhältnisse kontrollieren. Deshalb helfe ich, diese Daten zu liefern.“

Die Kameras liefern nicht nur Bilder von Tieren, sondern auch von Menschen – vor allem aus der Jägerschaft, „dem größten Feind der Wölfe“. Das wirke abschreckend. „Ich dürfte selbst keine Kameras installieren. Der Wald ist ein öffentlicher Raum, da ist das verboten. Das Ehrenamt öffnet ein Hintertürchen, um Jägern auf die Finger zu schauen“, erklärt Liste.

Achtung! Abschuss

Sieben illegale Wolfstötungen hat es 2024 laut offiziellen Zahlen in Brandenburg gegeben. Die Dunkelziffer allerdings dürfte deutlich nochmal höher liegen. Dabei galt der Wolf nach dem Bundesnaturschutzgesetz bis vor kurzem noch als „streng geschützt“. Es war also verboten, einen Wolf „zu fangen, zu verletzen oder zu töten bzw. seine Fortpflanzungs- oder Ruhestätte zu beschädigen oder zu zerstören“. Verstöße können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einem Bußgeld von bis zu 50 000 Euro geahndet werden.

Im Juni 2025 senkte der Rat der Europäischen Union jedoch den Status auf „geschützt“. Die Mitgliedstaaten erhalten dadurch mehr Spielraum im Umgang mit den Populationen. Dadurch wird unter bestimmten Voraussetzungen auch das Bejagen von Wölfen möglich. So forderte der Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg, Dirk-Henner Wellershoff, dass „500 zur Drückjagd freigegeben werden“. Die Tiere sollten aus der Deckung gelockt, in eine bestimmte Richtung „gedrückt“ und erlegt werden. „Bei einer Population von 600 bis 700 Tieren käme das einer Wiederausrottung des Wolfes in Brandenburg gleich“, so Liste.

Wellershoff erhielt Zuspruch von Gregor Beyer (parteilos), dem im Herbst 2025 entlassenen Staatssekretär im brandenburgischen Landwirtschaftsministerium. Dessen Referatsleiter für Artenschutz erklärte: „Wir können vom Bundesrecht abweichen“, sodass „der Wolf komplett aus dem Artenschutz rausfliegt“. Beyer ist selbst passionierter Jäger.

Liste nennt diese Entwicklung eine „Ausrottung auf Raten“. „Denn schon jetzt gilt: Wenn ein Wolf mehrfach einen als sicher eingestuften Herdenschutzzaun überwindet und Beute reißt, kann eine Abschussgenehmigung erteilt werden.“ Er und seine Allianz lehnen die Tötung ab – es sei denn, es handelt sich um „den sehr unwahrscheinlichen Fall von Notwehr“.

In Brandenburg werden die Umstände von Rissen offenbar nicht immer korrekt begutachtet, sagt Liste. Das hätten Nachforschungen der Allianz und anderer Stellen gezeigt. Zum Beispiel bei einem Schäfer aus der Uckermark, der medial immer wieder theatralisch Risse beklage. Untersuchungen seiner Weiden ergaben, „dass der Herdenschutzzaun die Vorgaben nicht im Ansatz erfüllt. Nur 60 Zentimeter hoch statt der geforderten 90, hängt schlaff in der Gegend rum und ist kein bisschen gespannt. Strom gibt es auch keinen.“

Patrouillen im Wald

Trotz der jährlich steigenden Zahl illegaler Tötungen wurde bisher kein Täter verurteilt. Liste vermutet unlautere Seilschaften zwischen Jägerschaft, Behördenmitarbeitenden und Politik und spricht von „mafiösen Strukturen“. Er nennt Jäger „Psychopathen mit Waffenschein“. Eine drastische Zuspitzung, von der er selbst einräumt, dass sie nicht auf alle zutreffe. „Aber auf mindestens 60 Prozent – und diese Schätzung stammt von einem Jäger.“ Im Gespräch habe Liste zwei Männer gefragt, warum sie Jäger geworden seien. Einer antwortete: „Weil ich nicht auf Menschen schießen darf. Deshalb habe ich einen Jagdschein gemacht“, zitiert er. 

Viele Jagende würden den Wolf als Konkurrenz wahrnehmen, weil er Rehe, Wildschweine, Hirsche oder Hasen reißt. Manchmal reißen sie auch Weidetiere, wenn diese unzureichend gesichert sind. Das sei nun mal ihre Natur, sichere ihr Überleben und dürfe nicht moralisch bewertet werden, bemerkt Liste. „Und selbst wenn: Klaut mir jemand einen Apfel über den Gartenzaun, kann ich auch nicht die Keule auspacken und zuschlagen.“

Er sieht das Problem woanders und zitiert Eckhard Fuhr vom Ökologischen Jagdverband Brandenburg: „Die Wolfspolitik ist die kleine Schwester der Migrationspolitik. Wen wir nicht kennen, dem vertrauen wir nicht. Und wer uns nichts nutzt, der schadet uns. Da ticken die Rechten und die Wolfshasser ganz ähnlich.“ Diese Parallele mache ihm Sorgen. Den Umgang mit dem Wolf hätten die Menschen in Deutschland verlernt, sagt Liste, der kein Smartphone nutzt und nur am Wochenende Kaffee trinkt, weil er es als Luxusgut betrachtet.

Tag und Nacht patrouillieren die Allianz-Mitglieder im Wald. Sie wollen präsent sein, vor allem wegen der Jägerschaft. Immer wieder finden sie Schaffelle, die unweit von Hochsitzen liegen. „Eine beliebte Methode, um Wölfe anzulocken“, weiß Liste. Und eine verbotene. Alle Anzeigen, die das Team deshalb gemacht hat, liefen bisher ins Leere.

In diesem Herbst hat die Allianz auch einen Schutzmarsch für die Wölfe organisiert. Sie liefen acht Tage lang zu Fuß vom Landtag in Potsdam bis auf den Brocken im Harz. Auf dem Gipfel angelangt, haben sie einen Forderungskatalog mit insgesamt 21 Punkten vorgestellt. Dazu gehören ein strikter Herdenschutz, Kontrollen in Jagdgebieten und auch eine jährliche psychologische Untersuchung für Mitglieder der Jägerschaft.

Seinen ersten Wolf in Freiheit hat Liste zusammen mit seiner Frau vor fünf Jahren aus knapp 200 Metern Entfernung gesehen. Die Tiere einmal in Brandenburgs Wäldern heulen zu hören, das ist seine tiefe Sehnsucht. „Am besten bei Mondschein, muss aber nicht“, sagt Hans-Holger Liste lachend. „Hauptsache, es vergeht nicht wieder so viel Zeit bis dahin.“

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