Text: Yvonne Schmidt — Fotos: Benjamin Jenak
Mit Mikrofon in der einen und Kamerastab in der anderen Hand macht sich Hannes Kreschel auf den Weg zum Marktplatz in Bitterfeld, Sachsen-Anhalts traditionsreicher Chemiestandort nördlich von Leipzig. „Heute wird es echt brenzlig“, bemerkt Kreschel. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat sich für den Montagsspaziergang angekündigt – und die Menschen pilgern in Scharen hierher. Den Zuspruch belegen auch die Umfragen zur Landtagswahl im Herbst. Siegmunds Partei führt mit großem Abstand vor allen anderen Parteien und macht sich deshalb Hoffnungen auf eine Alleinregierung, die Siegmund als erster AfD-Ministerpräsident in der bundesdeutschen Geschichte anführen würde.
Um „Uli“, wie ihn viele nennen, hat sich in dem Ost-Bundesland ein regelrechter Personenkult entwickelt. Menschen tragen Shirts und Caps mit seinem Gesicht und seiner Unterschrift. „Na wegen Uli“, antwortet ein älterer Mann auf die Frage, warum er heute gekommen sei.

Kreschel hat den Aufstieg der AfD in seiner Heimat hautnah miterlebt. Der Verfassungsschutz stuft die Partei in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem ein. Der 23-Jährige hat gerade sein erstes juristisches Staatsexamen bestanden und arbeitet als Polit-Influencer. Er besucht Demonstrationen, Montagsspaziergänge, Querdenken-Treffen und verbreitet das Erlebte auf Social Media. Und das fast jede Woche. Ein Kamerateam begleitet ihn. Er macht das, was viele Linke vehement ablehnen: mit Rechten reden.
In seinen Videos fragt er unter anderem danach, warum Menschen die blaue Partei wählen, wovor sie Angst haben und was sie sich davon versprechen. Allein auf Instagram folgen ihm mehr als 85 000 Menschen. Sein Profil beschreibt er mit der Schlagzeile: „P@litik. Proteste. Perspektiven. Vor Ort, wo Meinung auf Mensch trifft.“

Aufgewachsen ist Kreschel in Gommern bei Magdeburg. Rechtsextreme Parolen, Hitlergrüße oder einschlägige Musik gehörten dort früh zu seinem Alltag. Auch er selbst wählte zeitweise die AfD, geprägt vom politischen Einfluss seines Vaters, gibt er zu. „Damals hatte ich schon so ein inneres Störgefühl. Aber erst, nachdem mir Leute eine andere Perspektive gezeigt haben, konnte ich reflektieren, warum das falsch ist.“ Ein Job in einem großen Logistikunternehmen brachte ihn zum Umdenken. Denn dort habe er erlebt, wie belastend schlechte Bedingungen im Job für alle Beschäftigten sind. „Ich habe gemerkt: Die Probleme, die ich habe, das sind offensichtlich nicht Menschen mit Migrationsgeschichte – uns eint sogar das gleiche Leid.“
Diesen Perspektivwechsel will Kreschel anderen auch ermöglichen. Deshalb geht er dorthin, wo er nicht willkommen ist. Was er regelmäßig zu hören bekommt: „Ich weiß doch, was ihr für Videos macht.“ Oder: „Rede nicht mit dem, der ist einer von den Linken.“ Immer wieder halten Demonstrierende Deutschlandflaggen vor seine Kamera.
Vom AfD-Wähler zum Aktivisten
Trotzdem entstehen Gespräche: über Windräder, Klimawandel, Strompreise, Kriminalstatistik oder auch über die Sorge, trotz Vollzeitjob kaum noch über die Runden zu kommen. „Die Leute bringen eigentlich durchgängig linke Takes“, verdeutlicht Kreschel. „Miete runter, Rente hoch, Mindestlohn rauf. Viele sind nicht hardcore rechts und wissen gar nicht, dass all das nicht im Wahlprogramm der AfD steht.“ Das Bekenntnis sei oft eher eine emotionale Entscheidung, ein „Ventil für den Frust“, weiß Kreschel aus unzähligen Gesprächen.
Schon vor Beginn der Kundgebung in Bitterfeld steht Kreschel unter Strom. Inhaltlich bereitet ihn ein Redaktionsteam vor. Er kennt die Argumente, die ihm begegnen werden, genauso die Fakten, mit denen er sie widerlegen kann. Trotz gezielter Provokation bleibt er fokussiert. An seiner Seite taucht immer wieder der rechte Streamer Matthäus Westfal alias „Aktivist Mann“ auf. Er folgt Kreschel mit der Kamera über den Platz. Der informiert daraufhin die Polizei.

Der Marktplatz teilt sich an diesem Montag in zwei unterschiedliche politische Lager. Auf der einen Seite das Bündnis Bitterfeld zeigt Haltung. Die Gruppe ist deutlich kleiner und versucht mit lauter Musik die AfD-Kundgebung zu übertönen. Auf der anderen Seite stehen Hunderte Menschen mit Deutschlandflaggen. „Wenn wir ab September an der Macht sind, dann ist das mit dem Antifa-Protest da drüben vorbei“, ruft ein AfD-Abgeordneter. Die Menge grölt.
Wie sicher sich die Rechten hier fühlen, bestätigt sich nur wenige Momente später. Ein Mann hebt zwei Mal hintereinander den Arm zum Hitlergruß. „Haben wir das drauf?“, fragt Kreschel seinen Kameramann. Sie konfrontieren den Mann mit seiner Tat. Eine Reaktion bleibt aber aus.

Sie übergeben ihr Videomaterial schließlich der Polizei, Kreschel erstattet Anzeige. „Für solche Fälle haben wir immer diese 360°-Kamera dabei“, erklärt er. Sie zeichnet permanent auf, liefert Beweise und soll ihn im Zweifel schützen. Und kurz darauf wiederholt sich das Geschehen. Ein offenbar Betrunkener ruft verfassungsfeindliche Parolen. Als Kreschel ihn anspricht, zeigt auch er vor laufender Kamera deutlich erkennbar den Hitlergruß. Ein anderer Demonstrant stellt sich schützend vor den Mann. Dann greift die Polizei ein.
Noch während die Kundgebung läuft, schneidet Kreschel die Aufnahmen auf seinem Handy und veröffentlicht sie direkt bei Instagram: „AfD Mann Zeigt Auf AfD DEMO H!tler Gruß Und Wird GESCHÜTZT!“ Darunter schreibt Kreschel: „Was ist mit dem?“ und ein kotzendes Emoji.
Es entsteht ein Funken Hoffnung
Dass soziale Medien Populismus und einfache Antworten begünstigen, ist bekannt. Auch sie haben die AfD mit groß gemacht. Hannes Kreschel will nach denselben Regeln spielen wie die Rechten. Um auf Instagram und Co. erfolgreich sein zu können, braucht er vor allem Bilder, die Aufmerksamkeit erzeugen. Hier gilt: Die radikalste Aussage bekommt am meisten Klicks. Sieht er darin nicht auch eine Gefahr, selbst Teil der Normalisierung rechtsradikaler Meinungen? „Aber wir müssen doch zeigen, was die Leute hier sagen und denken“, erwidert er.
Auf die Frage, ob er Gespräche auf Augenhöhe führe oder mit seiner direkten Konfrontation eher die gesellschaftliche Spaltung verstärke, entgegnet Kreschel: „Die Spaltung ist sowieso längst da.“ Zumindest erreiche er so auf Social Media AfD-Wählende. „Die sollen das sehen. Die müssen sich das doch anhören. Vielleicht kommt der ein oder andere ins Nachdenken.“

Was sich täglich in sozialen Medien abspielt, zeigt sich auf dem Marktplatz ganz im Analogen. Immer noch versucht der rechte Streamer Kreschels Interviews zu stören, ihn vor der Kamera zu provozieren, allerdings ohne Erfolg. Kreschel bleibt weiter an den Demo-Besuchenden dran und ignoriert seinen Gegenspieler so gut er kann. Beide konkurrieren um Aufmerksamkeit – und am Ende auch um die Deutungshoheit auf der Straße und im Netz.
Währenddessen zieht die Demonstration vorbei, vornedran ein Banner mit der Aufschrift „Stoppt die grüne CDU“. In der Mitte spaziert AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, winkt und strahlt. Der 35-Jährige wirbt bei seinen Wahlkampfauftritten stets mit guter Laune.

Zurück auf dem Marktplatz spricht Kreschel eine Gruppe Demonstrierende auf die Hitlergrüße an. „Das sind nur Einzelne“, heißt es. Oder: „Das sind Leute vom Verfassungsschutz.“ Momente, in denen viele das Gespräch beenden würden. Hannes Kreschel bleibt, fragt nach, warum der Verfassungsschutz denn nicht neutral sei, liefert Argumente dagegen. Aber warum das alles? „In Deutschland hieß es lange: Mit Nazis reden wir nicht. Das ist falsch. Wenn ich mit denen nicht rede, kann ich sie auch nicht verstehen“, findet Kreschel.
Erkannt wird er derweil nicht nur von politischen Gegenspielern. Immer wieder kommen Menschen von der Gegendemonstration, bitten um Fotos oder bedanken sich für seine Arbeit. „Du machst uns Hoffnung“, sagt ein kleiner Junge mit Vuvuzela in der Hand – und streckt den Rechten die Zunge heraus. „Wir müssen um die Demokratie kämpfen, wir sind da zu zimperlich geworden“, sagt er. Was er erreichen wolle? „Dass Leute sich über meinen Content politisieren. Und das Gefühl haben, da ist noch wer da draußen, hier in Sachsen-Anhalt, der nicht abhaut.“
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