Text: Anne Brockmann — Fotos: Jennifer Schäufelin
„You can’t“ steht in einer Sprechblase auf einer Leinwand in Greta Niewiadomskis Badezimmer über der Waschmaschine. Gleich daneben heißt es: „Watch me!“ Zu sehen ist eine junge Frau, die eine Felswand erklimmt. Braune Haare, kinnlang. Was im Bild nicht zu sehen ist: Das Grün ihrer Augen, die Offenheit ihres Lächelns, der Schönheitsfleck über dem rechten Mundwinkel. Und doch ist die Ähnlichkeit unverkennbar. „Das hat eine Klientin gemalt und mir geschenkt“, erklärt die angehende Psychotherapeutin.
Für die Künstlerin des Gemäldes ist Greta Niewiadomski aber noch mehr als das. „Ein Vorbild“ habe sie ihre Therapeutin genannt. Weil sie trotz schwieriger Voraussetzungen den eigenen Interessen folgt. Dafür, sich nicht über ein einziges Merkmal definieren lässt, sei es noch so auffällig. Und dafür, ganz und gar sie selbst zu sein.
Greta Niewiadomski ist ohne rechte Hand zur Welt gekommen. Und immer wieder erlebt sie, wie sehr ihre Behinderung im Kontakt mit anderen im Mittelpunkt steht. Deshalb setzt sie sich vehement dafür ein, dass fehlende Gliedmaßen als ein Merkmal unter vielen wahrgenommen werden. Genau dazu schreibt Greta Niewiadomski ihre Masterthesis: „Erfahrungen und Bewältigungsstrategien von Menschen mit fehlenden Gliedmaßen“. Sie studiert an der Julius-Maximilians-Universität in ihrer Wahlheimat Würzburg. Vor fünf Jahren zog sie aus Norddeutschland in den Süden und lebt dort zusammen mit ihrem Partner.


Diskriminierung, sagt sie, begegne ihr seit Kindertagen überall. „Wie oft werden kleine Kinder aufgefordert, sich gegenseitig an die Hand zu nehmen? Und wie selbstverständlich ist das Händeschütteln als Begrüßungsgeste“, fragt sie rhetorisch und klingt müde. Es gäbe eine Reihe solcher sozialer Gepflogenheiten, bei denen Menschen ganz schnell außen vor seien, wenn ihnen Extremitäten fehlten. In solchen Situationen brauche es mehr Bewusstsein, mehr Rücksicht – oder besser noch mehr Vorsicht, sagt Niewiadomski. Eine Vorsicht allerdings, die nicht „pauschalisiert“. Das ist ihr wichtig.
„Das Problem ist, dass Menschen mit einer sichtbaren Behinderung sofort in eine Kategorie gesteckt werden. Die Individualität geht damit in der Wahrnehmung des Gegenübers meist vollkommen verloren“, moniert die Inklusionsaktivistin. Stattdessen würden Menschen ohne Behinderung ein klares Bild davon in sich tragen, wie Menschen mit Behinderung seien: hilfsbedürftig, weniger kompetent und eher harmlos. Was Niewiadomski aus Studien für ihre Masterarbeit zusammengetragen hat, deckt sich mit ihren alltäglichen Erfahrungen.
Früher hätte sie deshalb oft gedacht, sie müsste Besonderes leisten, um das Gegenteil zu beweisen. „Ich habe mir eingeredet: Wenn meine Noten in der Schule außerordentlich sind, kann ich meinen Makel damit ausgleichen. Damit habe ich mich selbst immens unter Druck gesetzt. Bis ich erkannt habe, dass es gar keinen Makel gibt und ich viel mehr bin als dieses Mädchen mit der einen Hand“, erinnert sich Niewiadomski.
Keine Außerirdische mehr
Ein adäquater Umgang mit Betroffenen bedeutet für sie, die Behinderung nicht zu ignorieren, sondern darauf einzugehen: Barrieren erkennen und vermeiden und den Menschen in den Mittelpunkt stellen.
Das Jahr 2018 brachte eine echte Wende in ihrem jungen Leben. Als 17-Jährige nahm sie damals zum ersten Mal an einer Ferienfreizeit vom Bundesverband für Menschen mit Arm- oder Beinamputation teil. Acht Tage in der Wedemark bei Hannover klettern, Kanu fahren, Feuer machen – zusammen mit Jugendlichen, denen ebenfalls Extremitäten fehlten.
Alles lief unbeschwert, denn die Veranstaltenden wussten, worauf sie achten und wie sie den Rahmen gestalten mussten. „Da habe ich gespürt, dass ich nicht allein bin mit meiner Behinderung. Und mir ist klar geworden, dass nicht die Fehlbildung an meinem Arm Probleme verursacht, sondern die Außenwelt, auf die ich damit treffe. In diesen Tagen in der Wedemark war ich keine Außerirdische, kein Alien“, resümiert die junge Frau. Und sie findet, diese Episode zeigt, dass Behinderungen nicht statisch, sondern fluide sind.
Heute ist Niewiadomski mit ihren 24 Jahren Teil des Orga-Teams im Verband und ermöglicht anderen Jugendlichen eine ähnliche Erfahrung. Sie möchte in jeder teilnehmenden Person das Gefühl von Stolz für die jeweilige Behinderung wecken. „Klettern? Tauchen? Warum nicht? Zusammen schaffen wir die richtigen Bedingungen dafür. Und auf diese Gemeinschaft, die Lösungen füreinander findet und Träume möglich macht, bin ich stolz.“

Bei allem eigenen Stolz und Wertschätzung von außen erlebt Niewiadomski immer wieder Äußerungen über Menschen, die „trotz oder wegen“ ihrer Behinderung erfolgreich seien. Ihr Konter: „Einfach erfolgreich. Punkt.“
Mindestens genauso ambivalent ist Niewiadomskis Verhältnis zu einem Tool, das vor acht Jahren in ihr Leben kam und viele Namen hat: Türöffner, Eyecatcher, Markenzeichen, Star-Wars-Teil, Silikonhandschuh oder einfach Gadget. Ihre Handprothese hat sie zum Bionic Model gemacht – einem Model, das Biologie und Elektronik miteinander vereint.
Mit der weißen Plastikhand samt schwarzen Gelenkkörpern und silbernen Schräubchen stand Niewiadomski schon für eine Reiseversicherung, den Würzburger ÖPNV und einen großen Sportartikelhersteller vor der Kamera. Begonnen hat alles mit einem Aufruf eines jungen Modegeschäfts, das Models suchte. Die Studentin bewarb sich und erwähnte als Charakteristikum „eine futuristische Handprothese“. „Ich war einfach neugierig, ob es klappt“, erinnert sie sich. Nach dem ersten Shooting kam eins zum anderen. Auch ein bekannter Skateshop buchte sie und schließlich brauchte sie sich nicht mehr auf Modeljobs zu bewerben, sondern erhielt Anfragen.
Was die Prothese auslöst
„Die Prothese und meine Auftritte damit haben mir Zugang zu einer anderen Welt verschafft. Plötzlich kooperierte ich mit großen Firmen, war Testimonial in Kampagnen, besuchte Messen, promotete Dienstleistungen und Produkte.“ Was Niewiadomski anfangs spannend fand, sieht sie heute kritisch. Denn sie habe immer deutlicher gespürt, wie unterschiedlich Menschen sie wahrnehmen – je nachdem, ob sie ihre Prothese trägt oder nicht.
Durch die „Star-Wars-Hand“ könne sie entscheiden, modern, interessant, stark und progressiv wahrgenommen zu werden. „Natürlich möchte ich Klischees aufbrechen und zeigen, dass Menschen mit Behinderung nicht alle alt, traurig und einsam sind. Ich möchte aber nicht im gleichen Atemzug neue Klischees schaffen, keine Versionen oder Bilder von mir selbst, die sich die Leute allein aufgrund meiner Prothese machen. Hinter diesen Bildern – mit oder ohne Prothese – stecke doch immer ich“, entgegnet sie.
Inzwischen sei es beinahe eine Hassliebe, die sie mit der weiß-schwarzen Hand verbinde. Sie besitze die Fähigkeit, Niewiadomskis Selbstwert „krass zu pushen“. An Tagen, an denen sie sich mal klein und verletzlich fühlt, benutzt sie die Prothese als Schutz. Dann wundere sie sich zwar darüber, wie leicht Menschen sich blenden lassen, ist aber gleichzeitig dankbar dafür.
An anderen Tagen lasse sie das Gadget einfach weg. Die Prothese ist nicht Ersatz, sondern Zusatz. „Meine Hand fehlt mir nicht wirklich. Ich wäre wahrscheinlich ziemlich überfordert, wenn ich mit zwei Händen aufwachen würde. Ich würde mir erstmal ein paar Finger brechen.“


Der Weg zur Zusatzhand war nicht gerade leicht. Den ersten Antrag lehnte die Krankenkasse ab. „Bisher sei es doch auch ohne gegangen.“ Das war in etwa die Begründung. Später wurde ihr der Bedarf doch zugestanden – zumindest für fünf Jahre. Danach sollte sie belegen, dass sie die Prothese weiter braucht. „Absurd“, kommentiert sie. Ihre Eltern hätten sich bewusst dagegen entschieden, weil sie ihre Tochter dazu bringen wollten, zu sich selbst zu stehen.
„Sie hatten ein wahnsinniges Vertrauen. Egal, ob Fahrradfahren oder Schuhe-Binden, sie waren immer erstmal zurückhaltend, warteten ab, haben geschaut, welchen Weg ich selbst finde“, erzählt Niewiadomski. Sie ist dankbar dafür, staunt und räumt ein, dass sie nicht weiß, ob sie das selbst als Mutter könnte: so viel Zutrauen haben und die Zweifel zurückhalten.
Ausgiebig darüber nachdenken, dafür fehlt die Zeit. Schließlich drängt ihre Masterarbeit. „Es war nicht leicht, jemanden zu finden, der so ein spezifisches Thema betreut. Schon um den Titel haben wir gerungen. Eine Masterarbeit verlangt Sachlichkeit und Nüchternheit, klar. Aber bei mir wird es schnell politisch und dann auch hitzig. Anders, glaube ich, kann ich gar nicht.“
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