Wie vernagelt — Sophia B.

Ein Schlag mit einer Holzlatte auf das Gesäß durch einen männlichen Ausbilder markiert das Ende einer Steinmetzlehre. So will es die Tradition. Sophia B. hält dagegen und fordert ein System heraus, das sich lange nicht verändern wollte.
6. Januar 2026
4 Minuten Lesezeit
Text: Elena Kirillidis — Fotos: Benjamin Jenak

Erst Abitur, dann Studium: Mit 18 hält Sophia B. das für den „vermeintlich logischen Weg“. Bald darauf aber bricht sie ihre Uni-Laufbahn ab und entscheidet sich für das Handwerk. In einem solchen Beruf sah sie sich schon zu Schulzeiten. 2022 beginnt sie schließlich eine Ausbildung zur Steinmetzin und Steinbildhauerin in einem Betrieb in Nordrhein-Westfalen. 

Gleich in ihrer ersten Berufsschulwoche erfährt Sophia B. von der Tradition des Freischlagens und ist darüber fassungslos: „Ich dachte nur: What the fuck“, erinnert sie sich. Dabei klingt „Freischlagen“ nach Aufbruch, nach jemandem, der sich durchsetzt. Im Steinmetzhandwerk steht es für ein Ritual: Neu ausgelernte Fachkräfte beugen sich nach vorne und bekommen von ihrem meist männlichen Meister mit einer Holzlatte einen Schlag auf das Gesäß.

Sophia B. erzählt, wie ein Lehrer die Szene auf einem Foto zeigt und kommentiert: „In Zeiten von MeToo wird das bestimmt kritisiert.“ Für die junge Frau ist es ein Schock, „aber niemand hat etwas gesagt und auch ich habe mich nicht getraut“.

Im Betrieb wird sie derweil gut aufgenommen. „Ich durfte schnell an Aufträgen mitarbeiten und kleine Bildhauer- und Steinmetzarbeiten machen.“ Das Kollegium war toll, einsam habe sie sich trotzdem gefühlt. „Ich fand es belastend, wie wir miteinander gesprochen haben.“ Ein rauer Ton, wenig Empathie und Achtsamkeit. „Ich konnte nie ganz ich selbst sein.“

Die Tischlerin und Kollegin Samantha Dessington teilt diese Erfahrungen. Respektlos nennt sie den Normalzustand im Handwerk. „In meinem ersten Ausbildungsbetrieb sollte ich Maschinen bedienen, für die ich nie eine Einweisung erhalten habe.“ Wenn sie etwas falsch machte, sei ihr Meister ausgerastet, habe Dinge durch den Raum geworfen und sie angeschrien.

Als sie sich dagegen wehren will, ist niemand da. „Die Handwerkskammer, der Lehrlingswart, die Schule – niemand konnte oder wollte etwas machen“, sagt sie. Dessington schafft es, den Betrieb zu wechseln und ihre Ausbildung zu beenden. Doch auch im neuen Betrieb bleibt der Ton verletzend: „Mein neuer Meister hat ständig das N-Wort geschrien und einen Kollegen so genannt, wenn er über ihn gesprochen hat.“

Die Azubis fehlen

Dessington gründet mit anderen das Azubihilfe Netzwerk. Die Idee entsteht beim jährlichen Tischler*innentreffen, bei dem sich jedes Jahr Hunderte FLINTA* über ihre Erfahrungen im Handwerk austauschen. „Nach dem Treffen meinte eine Auszubildende, dass sie jetzt wieder auf sich allein gestellt sei“, erzählt Dessington. Auch Sophia B. bringt sich dort ein.

Das Netzwerk erreichen immer neue Erfahrungsberichte. „Es ist erschütternd, wie viele Azubis während der Ausbildung sexualisierte Gewalt oder Erniedrigungen erleben“, sagt Dessington. In einem offenen Brief an Handwerkskammern, Politik und Verbände werden die Missstände bereits 2024 detailliert beschrieben. Auch konkrete Forderungen gibt es: etwa unabhängige Beratungsstellen oder rechtliche Aufklärung. Mehr als 25 000 Menschen haben seitdem die begleitende Petition auf der Plattform Campact unterzeichnet.

Der Handlungsdruck für die verantwortlichen Stellen ist hoch, denn es fehlt der Nachwuchs. Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks fehlten 2024 rund 250 000 Fachkräfte. 20 000 Ausbildungsplätze blieben unbesetzt. Gründe dafür sind der demografische Wandel und ein Trend zum Studium. Dessington sieht das Problem in einem veralteten System, das starre Hierarchien konserviere und progressive Menschen fernhalte.

Gleichzeitig lösten 2022 rund 37 Prozent der Auszubildenden ihren Vertrag vorzeitig auf oder wechselten den Betrieb. Eine Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen ihre Ausbildung im Handwerk außerdem häufiger abbrechen als Männer.

Als Sophia B. mit dem zweiten Lehrjahr beginnt, setzt sie sich intensiver mit dem Brauch des Freischlagens auseinander. Auf ihre Kritik folgt Widerstand – gerade in Führungspositionen. „Das Handwerk ist vielen heilig. Etwas, an dem nicht gerüttelt werden darf. Aber warum muss ein alter Mann Leuten auf den Po hauen? Das ist doch keine schützenswerte Tradition“, erklärt Samantha Dessington. Einige würden Tradition mit alten Praktiken verwechseln. „Wir wollen niemandem vorschreiben, wie er oder sie den eigenen Beruf lebt.“ Das Freischlagen sei mehr als ein harmloses Ritual: „Es zeigt, wie rückschrittlich das Denken über Auszubildende ist.“

Tradition überlebt

Im Sommer 2024 wendet sich Sophia B. an den Landesinnungsverband des Steinmetz- und Bildhauerhandwerks Nordrhein-Westfalen. In ihrem Brief kritisiert sie das Freischlagen als ein Ritual, das erniedrigt, Gewalt und sexualisierte Grenzüberschreitungen verharmlost. Sie warnt vor möglichen Triggern, die der Schlag auslösen könne, und nennt auch Alternativen: einen Schulterschlag oder drei symbolische Hiebe auf einen Stein, wie sie andernorts üblich sind.

Die Reaktion des Verbandsvorstands fällt zurückhaltend aus. Betont wird darin die Tradition des Rituals. Als demütigend werde es nicht empfunden, heißt es. Sophia B. schreibt daraufhin einen zweiten Brief – diesmal mit der klaren Forderung, das Freischlagen abzuschaffen. Eine Antwort bleibt aus. Später meldet sich ein führendes Mitglied des Bundesverbands Deutscher Steinmetze. Dass das Ritual bei der Abschlussfeier abgelehnt werden kann, sei ausreichend. Es sei problematisch, wenn einzelne Gruppen ihre Vorstellungen der Mehrheit aufzwängen würden. Das Schreiben endet mit einem Appell zur Bewahrung des traditionellen Handwerks.

Sophia B. und das Azubihilfe Netzwerk gehen schließlich an die Öffentlichkeit. „Ohne diesen Schritt hätten sie uns vermutlich weiter ignoriert“, bemerkt Sophia B. Kurz darauf folgen erste Reaktionen. Mehrere Handwerkskammern veröffentlichen Stellungnahmen und distanzieren sich vom Freischlagen. Nur der Landesinnungsverband habe weiter geschwiegen. Doch dann erfährt sie, dass der Verband eine Befragung unter den teilnehmenden Azubis gestartet hat.

Die Mehrheit spricht sich gegen das Freischlagen bei der Abschlussfeier aus – und so wird es 2025 zum ersten Mal in Nordrhein-Westfalen ausgesetzt. Sophia B. sieht in der Entscheidung einen Teilerfolg. Sie wolle weiterhin für eine vollständige Abschaffung kämpfen, sagt sie. Und dafür, dass „Frauen ins Handwerk gehen, auch wenn es uns nicht leicht gemacht wird“.

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