Text: Ruth Klages — Fotos: Dominique Wollniok
Majestätisch ragt der Dohlenstein über die Kahlaer Altstadt. Eine Aussicht, die für Franziska Reich nostalgisch ist und sich nach Zuhause anfühlt. Doch der markante helle Fels bröckelt, erzählt sie. Über die Jahre sei der Stein marode geworden, genauso wie das Miteinander in der thüringischen Kleinstadt mit den jahrhundertealten Häusern. Beinahe 7 000 Menschen leben hier – unter ihnen eine präsente Neonazi-Szene. Als Gegenentwurf gründete Franziska Reich zwischen Dönerbude, Demokratieladen, Stadtmuseum und viel leerstehendem Raum mit anderen ein konsumfreies Nachbarschaftscafé.
Franziska Reich ist Sozialarbeiterin und Mitgründerin der Gruppe AIS, kurz für antifaschistisch, initiativ, solidarisch. Mit anderen macht sie sich für eine außerparlamentarische, linke Politik stark. „Wir waren lange nur damit beschäftigt, Gegenveranstaltungen zu Infoständen der AfD zu organisieren oder irgendwelchen Bürgerdialogen hinterherzufahren“, meint Reich.

Doch die Gruppe wollte irgendwann mehr und versuchte mit einer Umfrage herauszufinden, was Menschen in Kahla fehlt. Das Ergebnis sei eindeutig gewesen: „Die meisten wünschten sich ein Café oder einen Ort, an dem sie sich treffen können, ohne viel Geld auszugeben“, sagt Reich. Und so entstand die Idee für Kahrola: eine Nachbarschaftsstube mit Sonntagscafé und Raum für Veranstaltungen. Mittwoch ist Frauenfußball-Watchparty, am Donnerstag schaut die Nachbarschaft eine queere Datingshow und am Samstag spielen Punkbands Konzerte.
In der Kahrola gibt es Bücher, Spiele, Bastelutensilien und politische Broschüren. Es geht um Stolpersteine in Kahla, um migrantische Erfahrungen oder das Programm der Kirchgemeinde. „Wir wollen eine gute Mischung schaffen“, bemerkt Reich. 70 Menschen kamen zur Eröffnung im Mai. „Natürlich waren das auch viele aus unserem Umfeld oder Bekannte aus Jena“, so die Aktivistin. „Eine Gruppe älterer Frauen traute sich zuerst nicht rein. Später erzählten sie dann davon, was sie in diesen Räumen schon erlebt haben.“ Denn wo heute Kahrola ist, war vor der Pandemie noch eine Raucherkneipe.
Neonazis sind Nachbarn
Wenn Franziska Reich zur Kahrola läuft, kommt sie vorbei an Wänden mit Graffiti. Die Symbole, Zahlen und Sprüche unterscheiden sich, bedeuten aber das gleiche: patriotische Ideologien, Gewaltfantasien oder Antisemitismus. Selbst auf Bänken und Bäumen verkünden rote Lettern braunen Hass. Reich habe die Schriftzüge bei der Polizei gemeldet – und die würde sich sonst auch schnell darum kümmern. Doch noch steht alles da.
„Als Nazis aus Jena vertrieben wurden, haben sie sich neue Räume gesucht, in denen sie sich einfacher und bequemer bewegen können“, sagt Reich. In der Universitätsstadt positionierte sich die Zivilgesellschaft öffentlich gegen die rechten Umtriebe und Übergriffe, die seit den Neunzigern zugenommen hatten. 2009 ließ eine lokale Baubehörde das „Braune Haus“, einen Neonazi-Treffpunkt, schließen. Rechtsextremismus war damit aber nicht bekämpft, sondern nur verdrängt. Seitdem mehren sich in Kahla nationalistische Gewaltdelikte. Nazis hätten hier ein neues Zentrum gefunden, bedauert Reich. „In der kleinen Stadt ohne Anonymität gab es nicht so eine breite und sichtbare Zivilgesellschaft, die erfolgreich gegenhalten konnte.“

Das möchte die neue Nachbarschaftsstube ändern. „Uns allen ist es wichtig, rechter Präsenz etwas Sichtbares entgegenzuhalten und zu zeigen, dass wir auch Teil der Stadtgesellschaft sind.“ Reich möchte für ihr Zuhause kämpfen. Sie wünscht sich mehr Leichtigkeit und Freude im Stadtbild. Es verändere die Stimmung, wenn Menschen abends draußen säßen und Musik aus offenen Fenstern ziehe. „Mit der Kahrola tragen wir dazu bei, dass es weniger Leerstand in der Innenstadt gibt und es hier ein bisschen belebter ist.“
Bis auf Motorräder, die vor dem Haus über das Kopfsteinpflaster rauschen, bleibt die Rudolf-Breitscheid-Straße an diesem Tag ruhig. Ausgerechnet ein Sozialist und NS-Widerständler gibt der Straßen ihren Namen. Heute liegt hier das „Bermuda-Dreieck der extremen Rechten“, wie Franziska Reich es nennt: „die Burg 19“, eine stadtbekannte Neonazi-WG, ein rechtsextremer Dartclub und direkt gegenüber das AfD-Parteibüro. Durch die Gaststubenfenster der Kahrola blickt einem der Abgeordnete entgegen – sein Gesicht ist provokant lächelnd auf dem Büro abgebildet. „Keine optimale Gegend“, sagt Franziska Reich, aber vielleicht ist es gerade hier im Ortszentrum wichtig, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Durcheinandergewürfelt
Nach Monaten der Renovierung machten Franziska Reich und ihre Mitstreitenden die Kneipe wieder nutzbar. Sie bauten eine hölzerne Bar, sammelten bunte Sessel, Sofas, Kaffeetische und dekorierten den Raum. Der rauchvergilbte Putz bekam insgesamt viermal einen weißen Anstrich. Ganz frisch sieht er trotzdem nicht aus. Doch gelb bemalte Kacheln, Pflanzen und die persönliche Note schaffen in der Nachbarschaftsstube eine gemütliche Atmosphäre.
„Die Menschen haben sich wohl daran angepasst, dass in Kahla nicht so viel geht“, sagt Reich. „Entweder machen sie es sich in den eigenen vier Wänden nett oder sie fahren woanders hin, wenn sie etwas unternehmen wollen.“ Es müsse sich noch rumsprechen, dass es ein Angebot vor Ort gibt. Die Initiative versuche bewusst, ein eher bürgerliches Publikum zu erreichen.

„Die Herausforderung ist, Orte zu schaffen, in denen Leute sich sicher fühlen, und gleichzeitig eine Offenheit für unterschiedliche Meinungen zu bewahren“, sagt Reich. Nur einmal mussten sie einen bekannten Neonazi ausladen, der bei der Eröffnung auftauchte. Der Gruppe sei es wichtig, Diskussionen zu führen und auch auszuhalten.
Dass sich viele linke Räume eher um sich selbst drehten, kann Reich nachvollziehen. „Unser Anspruch ist es, rauszugehen und möglichst viele Leute kennenzulernen.“ Das bedeute viel Beziehungsarbeit, die auch anstrengend sein kann. Reich, die für einige Einwohnende oft nur die „Antifa“ war, stelle immer wieder fest, dass Menschen mehr in ihr sehen, sie respektierten. „Ich kann nur empfehlen, sich nicht hemmen zu lassen und offen auf Leute zuzugehen.“ Es brauche eine persönliche Ebene, bis sich Anwohnende von Angeboten angesprochen fühlen, besonders dann, wenn sie selbst wenig politische Arbeit machen würden.
Pokémon und Punkmusik
Gerade neue Gesichter möchte Reich motivieren, sich einzubringen. „Ein zwölfjähriger Junge zum Beispiel veranstaltet mit seinem Kumpel einen Pokémon-Treff.“ An der Wand hängt ein gerahmtes Puzzle, das die bunten Wesen zeigt. Beide Jungen stellen Kartendecks zusammen, „damit auch Kinder mitspielen können, die keine Sammlung haben.“ Generell sollen Menschen in die Kahrola kommen können, ohne Geld auszugeben. Kuchen und Getränke gibt es gegen Spende, denn der Treffpunkt möchte Gemeinschaft ermöglichen, unabhängig vom Konsum.
„Ich finde es gut, zu zeigen, dass Kahla oder diese ganzen kleinen Orte nicht tot sind“, erklärt Reich. „Das, was da politisch passiert, ist nur vielleicht nicht immer so sichtbar.“ Letztes Jahr wurde sie für die Linke in den Stadtrat gewählt. Dort sei sie mit Abstand die Jüngste. „Die AfD arbeitet sich an mir ab, das merke ich auch in der Stadt.“ Ihre Bekanntschaft in Kahla schütze und gefährde sie gleichermaßen.

Manchmal begegne Franziska Reich stadtbekannten Nazis. Meistens Männer, die provokant grüßten oder rassistische Gesänge anstimmten. „Vor zwei Wochen hatte ich Schlappen von der AfD in meinem Briefkasten, auf denen stand: ‚Demokratie latschen‘.“ Einmal wurde sie auf der Straße von Nazis angespuckt. „Eine eklige Erfahrung.“ Und dennoch sei sie froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Mit der Zeit hätten sich auch ihre Eltern politisiert, „weil sie merken, ihre Tochter wird beleidigt, bedroht und kann manche Orte nicht mehr besuchen.“
Kahla ist über die Jahre zu Reichs Wahlheimat geworden. Wie stark lokale Identifikation von Nazis vereinnahmt werde, finde sie schade. „Das Gefühl, was für viele hinter Heimat steht, so eine Verbundenheit mit einem Ort, ist ja eigentlich was Schönes.“ Seit der Eröffnung im Mai ist die Kahrola jede Woche offen gewesen, freut sich Reich. Sie spüre, dass so ein Ort gefehlt hat. „Von manchen habe ich gehört, dass die Kahrola ein Grund ist, hierzubleiben.“
Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen. Unser Selbstverständnis: Journalismus mit Haltung. Du kannst uns ganz einfach bei Steady unterstützen oder auch mit einer Spende via PayPal.