Ich hab‘ Rechte — Jenny Gerst

Ungleichheit, nicht gesehen werden, ein lückenhaftes Rechtssystem: Betroffene von geschlechtsspezifischer Gewalt müssen sich häufig allein durch Paragrafen kämpfen. Die Feminist Law Clinic bietet deshalb kostenlose Rechtsberatung an.
15. Dezember 2025
3 Minuten Lesezeit
Text: Eva Goldschald — Fotos: Eva-Maria Gebhardt

Als Jenny Gerst 16 Jahre alt war, erlebte sie einen sexuellen Übergriff. Der erste, dem sie sich damals anvertraute, war ein Kumpel, der ihr die Erfahrung direkt absprach: „Vielleicht hat er einfach nicht gecheckt, dass du nicht wolltest.“ Es ist ein Satz, der sich tief in ihr Gedächtnis einbrannte. Als Jugendliche fand sie kaum Anlaufstellen, die sie ernst nahmen. Statt Hilfe zu bekommen, begann sie, die Schuld bei sich zu suchen. Den Täter zeigte Gerst nicht an.

Damit gehört die 23-Jährige zu den vielen, die schweigen. Denn gerade einmal zehn bis 15 Prozent der Betroffenen von Vergewaltigungen erstatten Anzeige. Und zu einer Verurteilung kommt es wegen mangelnder Beweise in nicht einmal einem Prozent der Fälle. 

Gerst hätte sich jemanden gewünscht, der ihr wirklich zuhört, sie und auch das Erlebte ernst nimmt und dagegen vorgeht. Heute studiert sie Jura im achten Semester und steckt gerade mitten in der Examensvorbereitung. Den Wunsch, Menschen zu helfen, die wie sie Unrecht erlitten haben, trug sie schon vor dem Übergriff in sich. 

Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie zu dem Verein kam, der ihr Kraft zurück geben sollte: „Letzten Sommer wurde ich auf einen Post auf Instagram aufmerksam. Drei Frauen suchten nach Mitgliedern für die Feminist Law Clinic. Eine gemeinnützige Organisation, die kostenlose Rechtsberatung insbesondere für Betroffene von sexualisierter Gewalt und Diskriminierung anbietet. Ich wusste sofort, da mache ich mit.“

Die Idee für den Verein hatten Karla Steeb, Lilith Rein und Lilian van Rey. Die drei saßen im Juni 2024 in ihrer Kölner WG zusammen und sprachen über Erfahrungen aus ihrem persönlichen Umfeld: Catcalling, Diskriminierung, sexualisierte Gewalt. Sie stellten fest, dass diese Themen im Jurastudium kaum vorkamen. Und selbst Google zeigte keine Ergebnisse für kostenlose feministische Rechtsberatung.

Ein System für Männer

Deshalb wollten sie selbst handeln. „Im Vergleich zu Mord und Totschlag kommt sexualisierte Gewalt viel häufiger vor“, verdeutlicht Jenny Gerst. Das belegen die Zahlen: Jede dritte Frau in Deutschland wird laut Bundesfamilienministerium mindestens einmal im Leben Opfer von physischer und/oder sexualisierter Gewalt. Jede Vierte mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch den aktuellen oder einen Ex-Partner. 2024 dokumentiert die polizeiliche Kriminalstatistik 1 845 Opfer von Totschlag oder Tötung auf Verlangen. Dieselbe Statistik zeigt: Opfer versuchter und vollendeter Gewalt, darunter Mord und Totschlag, auch Vergewaltigung, sexuelle Nötigung oder Bedrohung, sind zu 81,3 Prozent Frauen.

„Unsere Gesellschaft ist extrem antifeministisch geprägt. Zwei von drei Männern haben ein antifeministisches Weltbild“, verdeutlicht Gerst. In der Politik werde diese Gewalt fast nur in Zusammenhang mit migrantischen Tätern gebracht. „Die meist männlichen Täter stammen in Wirklichkeit zu 50 bis 75 Prozent aus dem eigenen sozialen Umfeld: Vater, Onkel, Bruder, Cousin, Lehrer oder der Trainer im Sportverein.“

Obwohl die Zahlen klar belegen, dass die Realität nicht mit den Lehrinhalten im Jurastudium übereinstimmt, klaffen im Lehrplan weiterhin gravierende Lücken. „Viele Anwältinnen und Professorinnen wissen, dass es eine Reform braucht, allerdings kommen wir noch nicht an die Verantwortlichen heran, um das System zu reformieren“, sagt die Studentin.

An der Universität erlebe Gerst oft Dozierende, die argumentieren, das Sexualstrafrecht solle ausgeklammert werden, weil es Studierende triggern könnte. Nachvollziehen können Gerst und ihre Mitstreitenden das nicht. Die angehende Juristin macht deutlich: „Für uns sind das vorgeschobene Gründe. Es geht völlig an der gesellschaftlichen Realität vorbei, wenn Delikte, die viel seltener vorkommen, viel intensiver oder überhaupt behandelt und gelehrt werden, als jene, die tagtäglich jeder dritten Person passieren.“

Das Recht reformieren

Doch patriarchale Ungerechtigkeiten beschränken sich nicht nur auf das Sexualstrafrecht. Das hat Jenny Gerst während eines Praktikums bei einem Familienrechtler gelernt, der viele Scheidungen begleitete. Der Zugewinnausgleich beispielsweise soll den Vermögenszuwachs zwischen den Eheleuten ausgleichen, erklärt Gerst. Das Problem: Männer könnten meist ihr Anfangsvermögen durch Kontoauszüge belegen, während bei Frauen dieser Nachweis oft fehle. Grund dafür sei, dass Frauen sich oft nicht ausreichend informieren und finanzielle Dinge in klassischen Ehen überwiegend vom Ehepartner erledigt werden.

Da Banken Kontoauszüge nur zehn Jahre speichern müssen, entstehe hierdurch oft ein direkter Nachteil für die Frauen. Gerst verrät noch einen weiteren rechtlich legalen Kniff, den Väter nutzen können: „Oft verschwindet bei Kindesunterhaltsberechnungen auch Geld, indem sich Männer ärmer machen, als sie eigentlich sind. Zum Beispiel nehmen sie nachträglich Konsumkredite auf, um weniger Unterhalt für ihre Kinder zahlen zu müssen.“ Für Reformen braucht es ein kollektives Umdenken, findet Gerst.

Die ersten Beratungen der Feminist Law Clinic fanden im Januar 2025 statt. Wer dort beraten will, muss eine Ausbildung durchlaufen und auch eine Prüfung bestehen. Dafür gibt es an der Universität Köln kostenlose Vorlesungen, auch online. Derzeit nehmen 2 000 Menschen daran teil. „Unser Angebot ersetzt keine anwaltliche Rechtsberatung“, schränkt Jenny Gerst ein. „Wir können aber dabei helfen, eine zu finden.“

Doch nicht immer müssten die Beratenden rechtlich eingreifen. Manchmal genügt es, den Betroffenen zuzuhören, sie an eine psychologische Beratung zu vermitteln oder sie über staatliche Unterstützung bei den Kosten für eine Rechtsvertretung zu informieren.

In Hamburg, Köln, München und Tübingen gibt es auch persönliche Beratungen. Menschen können hier direkt zu den Anlaufstellen kommen. In 17 weiteren Städten haben Studierende bereits Ortsgruppen gegründet und suchen nach Räumen. „Wir möchten unser Angebot langfristig überall und nicht nur in Großstädten anbieten. Alle Menschen sollen persönlichen Zugang haben. Online helfen wir aber jetzt schon allen, die sich melden.“

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