Text: Olivia Mauser — Fotos: Sina Opalka
„Jin Jiyan Azadi, Jin Jiyan Azadi“. Bestimmt zwanzig Mal schreit Faravaz Farvardin diese Worte in den prall gefüllten Konzertsaal. So lange und so laut, bis ihr die Luft ausgeht: „Frau, Leben, Freiheit“. Jedes Wort untermalt sie mit einem Fauststoß. Dann beginnt sie zu singen. Und zum ersten Mal in ihrem Leben gehört die Bühne ihr alleine. Zum ersten Mal kann sie als Künstlerin auftreten – nicht nur im Hintergrund, sondern im Rampenlicht.
Bunte Scheinwerfer bringen die Glitzersteine auf Farvardins Zähnen zum Funkeln. Sie singt davon, unterdrückt zu sein und davon, sich zu wehren. Ihre Locken bewegen sich im Takt ihres Tanzes. Es ist ein Zeichen ihrer Freiheit, sich nicht mehr verstecken zu müssen. Körper, Haare, Stimme nicht mehr verbergen zu müssen. Farvardin strahlt. 2025 erschien ihr erstes Album, das – mal wütend, mal melancholisch – von ihren Erfahrungen erzählt. Es verbindet orientalische Klänge mit westlichem Pop. „Das Album, alle Musikvideos und die Shows sind hauptsächlich von queeren und FLINTA*-Communities kreiert“, berichtet die Sängerin.
Es ist Anfang Mai, als Faravaz Farvardin ihr Debüt-Konzert in Berlin spielt. Zwei Monate später werden US-amerikanische Bomber iranische Nuklearanlagen angreifen. Ein kriegerischer Konflikt mit Israel erschüttert ihr Heimatland. Die politische Lage in der Islamischen Republik durchläuft einen Wandel, seit Farvardin 2018 nach Deutschland ins Exil ging.

Mit dem Tod von Jina Mahsa Amini, die im September 2022 wegen eines falsch getragenen Kopftuchs festgenommen wurde, begannen massenhafte Proteste gegen das Regime. Und auch wenn die Regularien der Sittenpolizei im Iran inzwischen noch strenger geworden sind, spürt Farvardin: „Für viele Menschen ist die Bewegung inspirierend, es hat etwas in ihnen verändert.“ Mit mutigen iranischen Frauen im Austausch zu stehen, das bewege viel in ihr.
„Wenn sie mit Gewehren und Kugeln konfrontiert sind und dennoch auf die Straße gehen, ihre Kopftücher verbrennen, sich vor die Polizei stellen, sagen, was sie wollen – dann ist es dumm, dass ich nicht mache, was ich will.“ Weltweit zeigten Millionen Solidarität mit den kämpfenden Frauen. Auch Farvardin beteiligte sich an oberkörperfreien Protesten in Berlin und lernte dort die Produzentin Charlie McClean kennen. Gemeinsam schrieben sie einen Song über Mullahs, die religiösen Herrscher im Iran, zeichnen sie als sexuelle Begierdeobjekte und ziehen deren Kontrollbestrebungen über nicht-männliche Körper ins Lächerliche.
Und so wechselt die Macht für ein Lied die Seite. Für Farvardin ist es der Beginn ihres Albums. „Auch wenn ich Mullah sage, kannst du viel mehr darin hören: den Papst, Putin, Trump, all die misogynen Männer in dieser patriarchalen Welt. Die sind alle sehr miteinander verbunden.“
Großwerden mit Verboten
Zurück in Berlin: Mit einem Dokumentarfilm des US-amerikanischen Magazins The New Yorker beginnt der Abend. Die Konzertbesuchenden sehen Farvardins Lebensgeschichte, die über die Leinwand flimmert. Großzügig teilt sie ihre Erinnerungen an das Aufwachsen im Iran. Ihre Mutter sei regelmäßig bloßgestellt worden. Die ganze Familie habe mit Einschüchterungen und Aggression umgehen müssen. „Meine Wut auf Männer begann zu Hause, sie wurde von meinem Vater geschaffen – wie bei so vielen Frauen“, erzählt Faravaz Farvardin.
Als Kind habe sie damit begonnen, mit einer Selbstverständlichkeit zu singen. Die Familie und Bekannte hörten gerne zu. Deshalb vermittelten die Eltern ihr Gesangsunterricht. Den dürfen aber nur Frauen Mädchen geben. Mit dem Schulbeginn spürte Farvardin zum ersten Mal, was Unterdrückung konkret bedeuten kann. Es hieß: verhülle dein Haar, ob du willst oder nicht.
Vom öffentlichen Gesangsverbot für Frauen erfuhr sie erst einige Jahre später. Für Farvardin verstetigte sich das Gefühl der Unfreiheit. „Als Teenagerin habe ich mir oft gewünscht, keine Frau zu sein, weil ich dieselben Dinge tun wollte, die Jungs tun durften.“ Das sieht die Sängerin heute anders: „Ich liebe es, eine Frau zu sein. Was ich am Frausein nicht mag, sind Männer.“

Mit 14 ging Farvardin auf die Bühne, damals als eine von mehreren Background-Sängerinnen. „Es müssen immer mindestens drei Frauen sein, damit sich ihre Stimmen mischen und nicht zu verführerisch sind“, zitiert sie eine Regel des Regimes. Der Zwang, sich im Hintergrund zu halten, überlagerte ihre Freude über den Auftritt. „Es war jedes Mal verdammt schmerzhaft.“ Generationen von iranischen Frauen machten dieselben Erfahrungen: „Weibliche Stimmen werden verboten, bevor sie überhaupt den Körpern gehören konnten“, meint Farvardin.
Auch Instrumente zu spielen, bei denen sich der Körper bewegt, sei verboten. „Steif dastehen und Klavier spielen, das ist gerade noch erlaubt.“ Mit der Islamischen Revolution 1979 gingen Errungenschaften der Frauenbewegung im Land verloren und die neu gegründete Republik führte das islamische Recht ein und etablierte eine systematische Unterdrückung der Frau. Die meisten Verbote, sich in einer selbstbestimmten Weise öffentlich zu zeigen, stammen aus dieser Zeit. „Es gibt dort keine nicht-misogynen Regeln“, fasst Farvardin frustriert zusammen.
Während ihrer Jugend in Teheran begann Farvardin, mit befreundeten Menschen Lieder zu schreiben und diese auf Soundcloud hochzuladen. Nachts trafen sie sich im Studio. Tagsüber war ihnen die Miete zu teuer. Farvardins engster Freund aus dieser Zeit wohnt inzwischen in Kanada. Für das Konzert ist er extra angereist. Es ist das erste Wiedersehen seit mehr als acht Jahren. Gemeinsam treten sie heute mit dem Lied auf, das sie in ihrer Jugend geschrieben haben. Ihre Stimmen schwingen in Harmonie, melancholisch singen sie persische Worte.
Flucht vor dem Gefängnis
„Die einzige Möglichkeit, um als Frau wirklich Geld mit dem Singen zu verdienen, ist die Arbeit als Stimmtrainerin“, sagt Faravaz Farvardin. Auch sie unterrichtete bei sich zuhause. „Ich habe viel Liebe von meinen Schülerinnen bekommen, das hat mich am Leben gehalten.“ Doch dann schickte die Mullah-Regierung eine Schülerin, die sie bespitzelte, um herauszufinden, wo sie wohnt. „Das war wirklich beängstigend, weil sie so meinen einzigen sicheren Raum zerstört haben“, beschreibt die Sängerin. „Selbst meinen Schülerinnen konnte ich nicht mehr trauen.“
Faravaz Farvardin wurde schließlich von der iranischen Polizei vorgeladen. „Ich hätte mit den Feinden Gottes zusammengearbeitet“, lautete die Begründung. In ihrem Fall mit der British Broadcasting Corporation (BBC), die über eines von Farvardins Musikvideos berichtete, ohne dass sie davon wusste. Um widerständige Frauen festzunehmen, reicht Singen alleine nicht aus. Denn das Musikverbot ist eine Fatwa, also Teil der islamischen Rechtsprechung statt der offiziellen Judikative. Farvardin erklärt: „Deshalb findet die Regierung andere Vorwände, wenn sie dich verhaften oder dir eine Strafe aufbrummen wollen.“ Häufig wird Oppositionellen auch unterstellt, Pornografie zu produzieren, oder ihre Häuser werden nach Alkohol durchsucht.

Vor Gericht gab Farvardin eine Bürgschaft ab, um während des Prozesses zu einem Festival nach Berlin zu fliegen. Nur einen kleinen Rollkoffer hatte sie bei sich, als ihr Anwalt sie anrief: Im Iran erwarte sie ein Jahr Gefängnis, sie solle besser in Deutschland bleiben. Daran hielt sie sich. „Du weißt nicht, ob du jemals wieder nach Hause kommst, gerade dann nicht, wenn dein Fall politisch ist.“ Befreundete Menschen wurden unter schlimmen Bedingungen eingesperrt. „Das Gefängnis ist ein furchtbarer Ort. Jede Frau wird belästigt, viele vergewaltigt. Es ist so einfach, dort zu sterben. Sie schicken jemanden, um dich zu töten. Alles kann passieren.“
Die Wut und Verzweiflung, die sie seither in sich trägt, finden Platz in ihren Liedern. „Ich muss mich oft daran erinnern, dass ich wütend sein darf auf all die Dinge, die mir widerfahren sind.“ Und sie will andere ermutigen, sich gegen die Unterdrückung zu wehren.
In Bayern beantragte Faravaz Farvardin Asyl. Kontakte hatte sie damals keine und auch ihrer Musik konnte sie nicht nachgehen. „Es hat drei Jahre gedauert, bis ich akzeptierten konnte, dass ich nicht zurückgehen kann. Ich bin ohne die Vorstellung nach Deutschland gekommen, dass ich bleiben möchte.“ Gleichzeitig fühlte sie sich einsam und verlor die Beziehung zu ihrer Stimme. Und bald fünf Jahre sollte es dauern, bis Faravaz Farvardin wieder Freude am Singen fand. „Die Musik, die ich vorher gemacht habe, funktionierte für mich nicht mehr. Ich war ein anderer Mensch, das Leben hatte mir ein anderes Gesicht gezeigt.“
Performen für die Freiheit
Als die #MeToo-Bewegung international erstarkte, galt der Kampf auch Farvardins iranischen Freundinnen. Viele wurden vergewaltigt. Beschuldigt wurde 2020 der Sänger Mohsen Namjoo. Doch er stand Fernseh- und Radiosendern und iranischen Festivals nahe, die daher nicht ihn, sondern Farvardin boykottierten. „Das war der Moment, in dem ich beschloss, auf Englisch zu singen.“ Ihr zweiter großer Verlust: „Zuerst habe ich mein Land verloren, dann mein Volk.“
Trotzdem hört sie nicht auf, für die Rechte der Menschen im Iran zu kämpfen: „Ich bin immer in Kontakt mit den Sängerinnen, die noch im Land sind“, sagt Farvardin. „Als ich aus dem Iran kam, dachte ich: Wie kann ich befreundete Menschen retten?“ Herholen konnte sie nicht alle. Zumal viele Musikschaffende auch bleiben wollen. Das erinnere Farvardin an sich selbst. „Ich war mutig und auch verrückt genug, um Musik in einem Land zu machen, in dem genau das verboten ist. Aber ich hatte nicht das Geld, um davon zu leben.“
Mit ihrer Organisation The Right to Sing unterstützt sie Musikschaffende finanziell und erklärt in Workshops, wie sie für sich sorgen, ihre Stimme am besten aufnehmen oder eigene Lieder verbreiten können. Im Notfall bietet sie Akuthilfe: „Wenn Sängerinnen in Gefahr sind, versuche ich, sie mit anderen Organisationen zu vernetzen, die sie aus dem Land bringen können.“

Auf der Bühne im Berliner Club SO36 bewegt sich die Künstlerin selbstbewusst. Um sie herum feiern Menschen. LIN, Danilo Timm, ihr Jugendfreund Sina und ein queerer Chor performen mit ihr gemeinsam Songs. Eine befreundete Sexarbeiterin tritt mit einem Comedyprogramm auf, zwei andere geben eine Puppy-Show. Und Faravaz Farvardin träumt: „Eines Tages möchte ich mit allen auf eine Welttournee gehen.“ Sie singt mit kräftiger Stimme, ihr Blick schweift über die vielen Gesichter im Saal: „All my ladies claim this town, fuck the system, burn it down.“ Das Publikum stimmt ein, reckt die Mittelfinger nach oben. „Wir leiden unter demselben Problem, nur unterschiedlich stark, je nachdem, wo wir leben, herkommen oder wie wir aussehen.“
Demgegenüber steht die Hoffnung auf „Azadi“, das bedeutet Freiheit auf Farsi. Es ist der Titel von Farvardins Album und der Schriftzug ihres ersten Tattoos. Im gleichnamigen Lied erzählt sie davon, wie sie die Freiheit in sich entdeckt hat: „I learned that freedom is always arriving but never staying. That freedom looks beautiful but feels lonely.“ Im Klang der sanften Worte windet sich eine Akrobatin in einem roten Vertikaltuch, das in der Mitte des Raums hängt. „Du fühlst dich, als würdest du die ganze Zeit fallen, aber schaffst es, weiterzumachen“, bemerkt Farvardin. „So fühlt sich das Leben für mich an.“ Im Publikum fließen Tränen. Die letzten Worte des Liedes hallen nach: „We are nothing without Azadi.“
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