Mehr Nazis als Biber — Paul

Demmin in Mecklenburg-Vorpommern ist bekannt für rechtsextreme Aufmärsche am 8. Mai – und für eine starke Gegenwehr, die 2025 aus dem Umland kam. Was ist übrig, wenn die Demonstration endet? Ein Besuch bei einem, der bleibt.
2. März 2026
5 Minuten Lesezeit
Text: Juli Katz — Fotos: Florian Scheible

Wo im Mai 2025 Rechtsextreme Reden halten, sitzt Monate später ein unscheinbarer Typ in roter Fleecejacke, guckt seiner Angelrute hinterher und wartet, ob der Barsch beißt. Hier in Demmin, Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, treffen sich nicht nur die drei Flüsse Peene, Trebel und Tollense, sondern mindestens einmal im Jahr auch Hunderte Neonazis

Die Hansestadt ist bekannt für den wohl größten Massensuizid in der deutschen Geschichte: Bis zu 1 000 Menschen – ungefähr fünf Prozent der damaligen Bevölkerung – sollen sich hier im April und Mai 1945 das Leben genommen haben. Wegen des drohenden Einmarsches der Roten Armee erhängten, vergifteten und ertränkten sich vermehrt Frauen und ihre Kinder. Die NS-Propaganda trug ihren Teil dazu bei. Ein Sprecher verkündete damals über das Radio: Das Beste sei, wenn die vorrückenden Feinde nur noch tote Deutsche vorfänden.

Von solchen Zeitdokumenten jedoch hält die rechtsextreme Partei Die Heimat, ehemals NPD, wie so oft wenig. Stattdessen instrumentalisiert sie seit 2006 die Geschehnisse. Aus dem Tag der Befreiung wird ein sogenannter Trauermarsch. Zu diesem reisten im Mai des vergangenen Jahres 270 Rechtsextreme an. Höhepunkt der Inszenierung: der Kranzwurf in die Peene.

Doch es kam alles etwas anders. Einer, der sich in den Weg stellte, heißt Paul. Seinen echten Namen will er nicht nennen. In Demmin kennen sich alle, was für ihn gefährlich werden kann. Er ist Mitte 20, hier geboren und aufgewachsen. Im Gegensatz zu vielen aus seiner Schule ist er geblieben. Er steht vor dem alten Kornspeicher, „FCK AfD“ ist an die Laderampe gesprüht.

Seit vier Jahren gehört Paul zum Aktionsbündnis 8. Mai, zusammen mit etwa zehn anderen Engagierten. Konzerte, Lesungen und Aktionen setzen sie dem Geschichtsrevisionismus der Rechtsextremen entgegen. Am 8. Mai organisieren sie Gegendemos – 2025 mit Erfolg. 

Denn damals war der Platz, auf dem Paul gerade steht, voller Menschen. „Ein Gefühl wie am Flughafen.“ Er habe gar nicht gewusst, wo die alle herkamen. Dabei war er als Social-Media-Beauftragter maßgeblich mitverantwortlich. Auf den Gegendemo-Aufruf hätten damals viele Verbündete reagiert: Kulturprojekte, Jugendorganisationen, Bündnisse wie Rostock nazifrei, später auch Gruppen aus Berlin und Leipzig. So kommen knapp 4 000 Menschen zusammen, die den Neonazis mit einer Sitzblockade die Route versperrten und sie zu einer alternativen Route zwangen, eine weniger attraktive. „Von diesem Erfolg zehren wir bis heute“, sagt Paul.

Der Rückhalt fehlt

Ein halbes Jahr später ist wieder Alltag. Ein ganz normaler Tag in Demmin, weniger bunt, ohne Protestbus vom Zentrum für Politische Schönheit, ohne Livemusik am Hafen, ohne Trubel. Die Verbündeten sind weg, Paul ist geblieben. Knapp 10 000 Menschen leben hier. Die Ostsee liegt nur 45 Autominuten entfernt. Es gibt ein Versicherungsbüro, daneben eine Bäckerei, weiter unten das Blumenhaus und ein Eiscafé. In der Stadt klebt hier und da ein AfD-Aufkleber, ein Sticker mit Regenbogenflagge ist zerkratzt. Es ist nicht düsterer als anderswo im Hinterland, eigentlich recht typisch für das ländliche Mecklenburg-Vorpommern. Das Stadtbild bestätigt demografische Daten: wenige Kinder und Jugendliche, über ein Viertel der Bevölkerung über 65 Jahre, viele Autos. „Wer etwas vorhat, fährt aus Demmin weg“, erklärt Paul. 

Er geht die Demoroute ab und zeigt eine Art zweite Version der Stadt, die medial niemanden wirklich interessiert. Hier sind die Zeichen subtiler. Paul erzählt von der Regenbogenfahne vor dem Supermarkt, die spurlos verschwunden ist. Von der Hakenkreuz-Schmiererei am SPD-Büro. Und von der kopftuchtragenden Demminerin, die nur noch mit dem Auto statt zu Fuß unterwegs ist und überlegt, wegzuziehen. So beschreibt Paul den Normalzustand.

Am Luisenplatz fallen zwei Bronzebiber auf, die Tiere gelten als Maskottchen der Stadt. Früher waren sie fast ausgerottet, heute lebt wieder eine große Population in der Peene. Auf die Frage, ob hier mehr Biber oder Neonazis existieren, überlegt er nicht lang: „Vermutlich mehr Neonazis. Die zeigen sich zumindest häufiger.“

1 950 Rechtsextreme hat der Verfassungsschutz 2024 in ganz Mecklenburg-Vorpommern erfasst. Zwei Drittel der 3 317 dort registrierten politisch motivierten Straftaten gelten als rechtsextrem. Auch die AfD spielt in Demmin eine Rolle, sie ist aber im Nord-Bundesland noch nicht als gesichert rechtsextrem eingestuft worden. 2025 gaben in Demmin 29 Prozent ihre Erststimme einer AfD-Kandidatin, 47 Prozent ihre Zweitstimme an die Partei selbst. Co-Landeschef Leif-Erik Holm hat sich in Demmin zum Ministerpräsidentenkandidaten aufstellen lassen. Die Presse zitiert ihn so: „Wir wollen die Alleinregierung in Mecklenburg-Vorpommern. Das ist unser großes Ziel.“ Paul wünscht sich anderes. Ein Verbotsverfahren zum Beispiel. 

Gefragt, ob er Demmin liebt, antwortet Paul: „Kannst du schon sagen.“ Was müsste passieren, dass er hinschmeißt? „Fehlender Rückhalt“, sagt er und verwendet dabei Wörter wie „alleine dastehen“, ohne Familie, ohne Netzwerk. Doch danach sieht es nicht aus. Die Familie ist Teil des Protests. Die Mutter kümmert sich bei Aktionen ums Essen. Der Bruder organisiert Bands. 

Keine Anonymität

Und Paul ist hier fest verankert. Er hat Arbeit in Demmin und ein Hobby, den Modellbauverein. Er kennt die Stadtbevölkerung. Die Dame mit Rollator aus der Kirche. Den Typen im roten Auto über seine Oma, die sich für Geflüchtete aus der Ukraine einsetzt. Und den Bürgermeister, CDU. Den grüßt er nur halb. Von Thomas Witkowski war er zuletzt enttäuscht. Statt die Proteste zu unterstützen, gebe es von der Stadt bürokratische Hürden. Dixi-Klos wurden einkassiert und Mülleimer abgebaut. Offiziell wegen Brandblockaden.

Was würde Paul ändern, wenn er morgen Bürgermeister wäre? Die Antwort kommt zögerlich. Von langwierigen Prozessen redet er, dass Einzelmaßnahmen oft zu nichts führten, sich Dinge entwickeln müssten. Und dann, nach einem Zögern: „Ich würde mich zu antifaschistischen Werten bekennen.“ So ein Statement habe er vom amtierenden Bürgermeister vermisst. Das Engagement der Einheimischen lasse grundsätzlich zu wünschen übrig, findet Paul. Auch am 8. Mai: „Ganz Demmin zieht die Jalousien runter und lässt sich nicht sehen.“ Am Stromkasten an einer Kreuzung steht hässlich aufgesprüht: Carpe Diem, lateinisch für „Nutze den Tag“.

Manchmal spricht er weniger klar. Etwa, wenn es um verbale, teils physische Angriffe auf Menschen geht, die sich gegen rechts stellen. Deshalb hat Paul in diesem Text einen anderen Namen bekommen. Fragwürdig findet er, dass sie zu den Demos ein Ordnungsteam anmelden und Daten preisgeben müssen. Ob die nicht auch in die falschen Hände gelangen, sei unklar. In Demmin gibt es keine Anonymität. Das ist schon immer so gewesen. Früher, als Paul mit seiner Oma einkaufen war, hat er eine zusätzliche Stunde eingeplant – weil er wusste, dass sie mit allen quatschen will. Alle zu kennen, bedeutet auch, von allen erkannt zu werden.

2026 organisiert das Bündnis wieder eine Gegendemo, Paul will dieselbe Größenordnung an Menschen mobilisieren. „Diesmal am besten ganz ohne Nazis“, sagt er und lacht. Ein paar LKW donnern vorbei, sonst ist niemand hier. Demnächst soll auch noch die Deutsche-Bank-Filiale wegziehen, nach Stralsund. Im Gegensatz zu Paul: Er bleibt in Demmin, komme, was wolle.

Wenn er was erleben will, fährt Paul nach Rostock oder Greifswald. Aber wieso nicht gleich ganz raus? Wieso nicht irgendwo anders hin? An einen Ort mit weniger Nazis, einer üppigen Jobauswahl, mehr Gleichaltrigen, mehr Gehalt. Paul guckt, als ob diese Frage für ihn keinen Sinn ergibt, als ob er sie sich noch nie ernsthaft gestellt hat. Er erzählt von seiner günstigen Zwei-Zimmer-Wohnung, sagt, das sei woanders so nicht möglich. Und dann, Sekunden später, beschreibt er sich als jemanden, der positiv nach vorne schaut. „Was sollen wir denn sonst machen?“ Er fragt nicht resigniert oder traurig, nicht beängstigt, sondern entschieden.

Mit Veto geben wir dem Aktivismus im Land eine mediale Bühne. Warum? Weil es Zeit ist, all jene zu zeigen, die sich einmischen. Unser Selbstverständnis: Journalismus mit Haltung. Du kannst uns ganz einfach bei Steady unterstützen oder auch mit einer Spende via PayPal.

Weiterlesen

Lila-weiße Welt — Viola.161

An jedem Spieltag setzt die Fangruppe Viola.161 antifaschistische Botschaften im Stadion. Fußball und Politik gehören hier zusammen, es gibt keine Hierarchien und Beleidigungen sind tabu. Ein Besuch in der Kurve von Tennis Borussia Berlin.

Nette Nachbarn — Franziska Reich

Das thüringische Kahla hat ein Problem mit Neonazis. Doch es gibt Menschen, die dagegenhalten. Eine antifaschistische Gruppe hat hier eine Nachbarschaftsstube eröffnet – und zeigt, wie neuer Zusammenhalt entstehen kann. Ein Besuch.

Ostblick — Kolumne Jakob Springfeld

Warum ich über den Sommer kein Europabotschafter geworden bin. Ein Text oder eher ein verlängerter Tagebucheintrag übers Pausemachen in Krisenzeiten, über Europas Parallelwelten und Begegnungen, die ich erst noch verarbeiten muss.

Nachgeschmack — Anuscha Zbikowski

Emil Wendland wird am Morgen des 1. Juli 1992 erstochen auf einer Parkbank im brandenburgischen Neuruppin gefunden – die Täter sind Neonazis. Eine Initiative erinnert an seine Geschichte und wird dafür von Rechtsextremen angefeindet.

Ausgeliefert — Family & Friends Hamburg

Maja T. sitzt wegen mutmaßlicher Übergriffe auf Neonazis in Ungarn im Gefängnis. Eine Auslieferung aber hätte es gar nicht geben dürfen. Sechs weitere Angeklagte warten derweil hierzulande auf ihren Prozess. Eine Begegnung mit Angehörigen.

Journalismus mit Haltung

Mit Veto geben wir Aktivismus eine mediale Bühne und stellen all jene vor, die für Veränderung etwas riskieren. Veto ist die Stimme der unzähligen Engagierten im Land und macht sichtbar, was sie täglich leisten. Sie helfen überall dort, wo Menschen in Not sind, sie greifen ein, wenn andere ausgegrenzt werden und sie suchen nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Unsere Botschaft an alle Gleichgesinnten da draußen: Ihr seid nicht allein!

Du kannst uns mit einer Spende unterstützen: DE50 4306 0967 1305 6302 00 oder via PayPal.