Unter Beobachtung — Atomkinder

Wo die AfD an Land gewinnt, gerät die Subkultur zunehmend unter Druck. So auch das linke Wohnprojekt Atomkinder im erzgebirgischen Schwarzenberg. Die Angst vor Angriffen gehört längst zum Alltag. Doch für Maik ist Weggehen keine Option.
29. September 2026
4 Minuten Lesezeit
Text: Laura Catoni — Fotos: Karla Schröder

Zwei Männer halten bei Dunkelheit mit ihrem Auto vor einer Einfahrt mitten im Wald, prügeln auf den Briefkasten ein, urinieren in die Einfahrt, spucken auf das Tor – und machen sich mit einem lauten „Tschüssi“ wieder auf den Rückweg.

Zu sehen sind diese Szenen auf einem Video, das der gemeinnützige Verein Atomkinder aus Schwarzenberg im Erzgebirge Mitte März auf Instagram veröffentlicht hat. Maik lebt seit 15 Jahren in dem linken Wohnprojekt. Dass sie ihre Einfahrt einmal mit einer Kamera überwachen würden, war für ihn lange undenkbar. „Das ist eine bittere Pille für uns“, sagt der 36-Jährige. „Wir lehnen solche Maßnahmen ja eigentlich ab.“

Doch die Angriffe von Rechtsaußen hätten zugenommen. Zeitweise seien fast jede Woche Menschen vor dem Wohnprojekt aufgetaucht. Mal hätten sie randaliert, mal Böller auf das Gelände geworfen. „Das macht natürlich Angst.“ Wenn Maik heute mit dem Auto unterwegs ist, schaut er immer wieder in den Rückspiegel: Wer fährt hinter ihm – und wie lange schon? Im Kreisverkehr dreht er eine Extra-Runde, bevor er zum Wohnprojekt einbiegt.

Doch die Atomkinder sind kein Einzelfall. Die Liste subkultureller Orte, die in jüngster Zeit angegriffen oder bedroht wurden, ist lang: das Conne Island in Leipzig, das Hausprojekt Zelle79 in Cottbus, das autonome Jugendhaus Bargtheide bei Hamburg, die Punkrockkneipe Hirsch-Q in Dortmund oder das autonome Jugendzentrum Freiraum im bayerischen Dachau. Erst im September traf es auch das Hausprojekt AK40 im thüringischen Suhl.

Zentren ohne Schutz

Wer das Wohnprojekt im Erzgebirge finden will, muss suchen. Das Grundstück liegt versteckt in einem Industriegebiet, zwischen Betonwerk, Erdbauunternehmen, Logistikfirmen und Wasserwerk. Maik ist froh darüber: keine Anwohnenden, die sich an Punkmusik oder Küfas im Freien stören – oder im Garten die Deutschlandflagge hissen. Ungewöhnlich wäre das nicht. Bei der Landtagswahl wählten immerhin fast 35 Prozent die AfD.

Einige Vereinsmitglieder leben in Bauwagen vor dem Haus. In Gewächshäusern und Beeten bauen sie Obst und Gemüse an. Und immer im Spätsommer laden die Atomkinder zu einem zweitägigen Festival mit Bands, veganem Essen und Vorträgen ein.

Auf der Bühne im Veranstaltungsraum stehen Instrumente, neben der selbstgebauten Bar stapeln sich Getränkekästen, darüber hängen Dutzende Kabel. Kaum eine freie Stelle an den Wänden: Sticker, Graffiti, Collagen und Malereien, viele davon mit politischen Botschaften.

Was passiert, wenn diese Orte angegriffen werden und mit den Folgen allein bleiben? Die Kampagne „Alles beginnt im Zentrum“ macht auf die schwierige Lage soziokultureller Zentren in Deutschland aufmerksam und sammelt Spenden, um nach Angriffen Anwalts-, Reparatur- oder Sicherheitskosten zu finanzieren. Und viele haben sich angeschlossen – Musikgrößen wie Beatsteaks und Tocotronic, Clubs wie About Blank und Engagierte wie Jakob Springfeld und Julia Pustet. Auch den Atomkindern hat die Kampagne geholfen. Mit den Spenden wurde ein neuer Briefkasten bezahlt. Doch das Materielle sei nur zweitrangig, sagt Maik. Wichtiger sei die Welle der Solidarität, die angestoßen wurde.

Doch nicht nur direkte Angriffe setzen soziokulturelle Zentren enorm unter Druck. Im baden-württembergischen Schwäbisch Gmünd wurde dem selbstverwalteten Jugendkulturzentrum Esperanza etwa ein Drittel der Zuschüsse gestrichen. Zuvor hatte die AfD gefordert, die Förderung vollständig zu beenden. „Wo die AfD an Einfluss gewinnt, geraten soziokulturelle Zentren ins Fadenkreuz“, schreibt Timo Büchner in der Wochenzeitung Die Zeit.

Razzia frühmorgens

Maik erinnert sich noch an seinen ersten Besuch bei den Atomkindern – das war im Herbst 2004. Damals war er gerade 16. „Wir waren so fünf, sechs Zecken in der Stadt und sobald wir draußen unterwegs waren, gab es immer nur Stress mit Faschos“, erzählt er. An diesem Abend stand in Schwarzenberg eine Schleimkeim-Coverband auf der Bühne, Menschen saßen am Lagerfeuer, tranken Bier und quatschten. So eine Atmosphäre hatte er in seiner Heimat noch nie erlebt. „Das ist ja geil“, habe er gedacht. Er begann, sich im Wohnprojekt einzubringen, half bei Küfas, bereitete Konzerte vor und kümmerte sich um die Tontechnik. 2011 zog er ein.

Doch warum eigentlich Atomkinder? „Wir sind alle im Erzgebirge aufgewachsen und zu DDR-Zeiten wurde hier überall Uran abgebaut, das teilweise noch bis heute strahlt“, bemerkt Maik. „Wir dachten, das klingt cooler als verstrahlte Kids.“

Aufgeräumt sind die Zimmer in dem dreistöckigen Haus. In der Küche hängt ein Putzplan, daneben steht in großen Lettern: „Fenster putzen!“ Fast alle Vereinsmitglieder gehen einem Job nach: Einer arbeitet im Bergbau, eine in der Altenpflege, Maik für eine Anwaltskanzlei. Sie sind zwischen 23 und 38 Jahre alt. Kinder gibt es nicht, dafür vier Katzen und vier Hunde.

Auf jeder Schlafzimmertür steht auf einem Streifen Malerkrepp der Name der Person, der das Zimmer gehört. „Das haben wir nach der ersten Hausdurchsuchung gemacht“, sagt Maik. Der Durchsuchungsbeschluss habe sich damals nur gegen einzelne Bewohnende gerichtet, die Polizeikräfte seien trotzdem in alle Zimmer gegangen. Maik erinnert sich noch gut daran: Es war sechs Uhr morgens, als ihn Lärm weckte. Bevor er nachsehen konnte, was los war, stand ein bewaffneter Polizist in seinem Zimmer.

Alle Bewohnenden seien auf den Flur geschickt worden, Zeit zum Anziehen habe es nicht gegeben. Bis zum Nachmittag sei die Polizei geblieben und habe das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Auf Instagram haben die Atomkinder entstandene Schäden dokumentiert, die zeigen sollen, wie rabiat die Einsatzkräfte aus ihrer Sicht vorgingen.

Raum für Freigeister

Es blieb aber nicht bei dieser einen Durchsuchung. Bei einem weiteren Einsatz im November 2023 stellte die Polizei laut einem Bericht des Nachrichtenportals TAG24 unter anderem Pyrotechnik, Pfeffersprays und Funkgeräte sicher. Bei einem damals 20-jährigen Bewohner wurde außerdem eine Schusswaffe mit mehreren Patronen gefunden. Maik habe von der Waffe nichts gewusst, betont er. Die Gruppe habe den Fall anschließend aufgearbeitet und mehrheitlich entschieden, dass der Bewohner bleiben dürfe.

Dass sowohl die Hausdurchsuchungen als auch die Angriffe von rechts zugenommen haben, ist für Maik kein Zufall. Er sieht darin eine Folge des gesellschaftlichen Rechtsrucks und einer zunehmenden Gleichsetzung von Links und Rechts.

Auf ihrer Webseite werben die Atomkinder mit Jugendkultur, einem Skatertreff, Handwerken und Kreativsein. Doch mit solchen Angeboten werde es zunehmend schwieriger, Jugendliche zu erreichen, erzählt Maik. Sozialarbeitende berichten, dass immer mehr junge Menschen nach rechts driften würden. Beim Einkaufen im Ort sei es inzwischen auch keine Seltenheit, Teenagern in Shirts mit NS-Bezug zu begegnen.

Was das langfristig für die Atomkinder bedeutet? Die Angst, dass keine neue Generation nachwächst, sei da, erzählt Maik. Das Projekt zu verlassen und nach Dresden oder Leipzig zu ziehen, wo er sich in eine linke Bubble zurückziehen könnte, kommt für ihn trotz allem nicht infrage. Stattdessen will er alles dafür tun, dass das Haus eine Zukunft hat – als ein Ort für „antifaschistische Freigeister“. Mehr als 10 000 Euro hätten sie allein in die Sanierung des Daches gesteckt. Doch die Herausforderung sei nicht nur finanziell: „Finde mal eine Firma, bei der nicht jeder Mitarbeiter einen Thor-Steinar-Sticker auf dem Auto hat.“

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